Sport : Dank an den Doppelagenten

Nach dem 1:0 über Aserbaidschan feiert sich die Türkei selbst – und Mesut Özil

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Da gehts zur EM. Der türkische Nationalspieler Burak Yilmaz freut sich über seinen Treffer beim 1:0 über Aserbaidschan – und über Mesut Özils Schützenhilfe gegen Belgien. Foto: dpa
Da gehts zur EM. Der türkische Nationalspieler Burak Yilmaz freut sich über seinen Treffer beim 1:0 über Aserbaidschan – und über...Foto: dpa

Irgendwie ist Mesut Özil doch ein Türke. Jedenfalls schimmert diese Annahme in den türkischen Kommentaren zum Abschluss der EM-Qualifikationsrunde durch. Der türkischstämmige Mittelfeldstar von Real Madrid, der wegen seiner Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren in der Türkei mitunter als Landesverräter beschimpft wurde, erscheint plötzlich wie ein heilsbringender Doppelagent in Sachen Fußball.

„Heute ist der Mesut unser Mesut“, schwärmte ein Fernsehkommentator nach Özils Führungstreffer für die deutsche Mannschaft, der den fast schon verloren gegebenen Traum der Türken auf eine EM-Teilnahme neu belebte. Özil traf für seine Heimat und half gleichzeitig der Heimat seiner Eltern. Ein deutsch-türkisches Herbstmärchen, passend zum anstehenden 50. Jahrestag des Beginns der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland im Jahr 1961.

Das deutsche Wort „Dankeschön“ war deshalb eines der am häufigsten benutzten Wörter in türkischen Zeitungsschlagzeilen am Mittwoch. Mit Genugtuung registrierten die Medien auch Özils aufmunternde Aussage nach dem Spiel, er wünsche sich, dass die Türkei den Sprung zur Europameisterschaft schaffen werde.

Noch vergangene Woche hatte sich Özil in der Türkei den Vorwurf anhören müssen, er sei ein Feigling, weil er beim Spiel der Deutschen gegen die türkische Mannschaft in Istanbul wegen einer Verletzung nicht angetreten war. Nun ist er der Held der Nation. „Als er getroffen hat, habe ich gleich gedacht, dass das eine schöne Geschichte ist“, sagte Özils deutscher Mitspieler Per Mertesacker. „Das wird ihm noch mehr Respekt in der Türkei verschaffen.“

Die türkische Elf könnte einen Spieler wie Özil jedenfalls gut gebrauchen: Selbst gegen das zweitklassige Aserbaidschan reichte es am Dienstagabend nur zu einem mageren 1:0-Heimsieg. Guus Hiddink, der niederländische Nationaltrainer der Türken, kritisierte die eigenen Spieler scharf. Die Mannschaft reagiere in Stress-Situationen zu emotional, und die Chancenauswertung sei miserabel. Es gebe viel zu tun.

Nicht zuletzt wegen seiner schonungslosen Analyse türkischer Schwächen steht Hiddink seit Monaten unter medialem Dauerbeschuss. Kritiker erinnern den kühlen Niederländer daran, dass es gerade emotionsgeladene Auftritte gewesen seien, die es der Türkei bei der WM 2002 und bei der EM 2008 ermöglichten, jeweils bis ins Halbfinale vorzudringen.

Doch Hiddink zeigt sich unbeeindruckt. Wenn die Türken eine Nationalmannschaft sehen wollten, deren Spieler vor lauter Aufregung aus 30 oder 40 Metern unsinnigerweise aufs Tor ballerten, dann sei er wohl der falsche Mann für seinen Posten, sagte er nach dem Spiel. Viele Kommentatoren sehen das genauso und fordern, Hiddink durch einen türkischen Trainer zu ersetzen. Falls die Türkei bei den Play-off-Spielen im November scheitern sollten, werden sie wohl ihren Willen bekommen.

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