Sport : Dann geh doch

In vielen Ländern ist laufen ohne zu rennen Volkssport – in Deutschland werden die Athleten kaum beachtet

Frank Bachner

Paris. Nach ungefähr eine Stunde trat Jefferson Perez richtig an. Und dann konnte ihn keiner mehr stoppen. Nicht Francisco Javier Fernandez, der Spanier, nicht Roman Rasskazow, der Russe. Die Zuschauer am Straßenrand jubelten, und Perez ging dem Titel entgegen. Als er am Samstagmorgen bei der Leichtathletik-WM in Paris ins Ziel kam, nach 1:17,21 Stunden (Weltbestzeit) und 20 Kilometer Gehen, hatte er 39 Sekunden Vorsprung auf Fernandez. Und in Ecuador, der Heimat von Perez, werden sie gejubelt haben am Bildschirm. Der Geher Perez ist ein Held in Ecuador, er hat 1996 schon Olympiagold über 20 Kilometer für sein Land geholt.

Robert Korzeniowski ist auch ein Held in seiner Heimat Polen. Vielleicht noch ein größerer als Perez in Ecuador. Korzeniowski ist eine Legende, der erfolgreichste Geher der Welt. Doppel-Olympiasieger von Sydney und 1996 Olympiasieger über 50 Kilometer. Korzeniowski hat gestern gefehlt, er wird in Paris nur über 50 Kilometer gehen. Und dann werden sie natürlich an der Straße stehen, die ganzen 150 Mann. Sie folgen der Legende, das ist ihr Gesetz. Wo Robert Korzeniowski startet, sind auch seine Anhänger. Sie kommen mit Spruchbändern und mit ihrer Begeisterung. Sie brüllen sich am Straßenrand die Seele aus dem Leib, wenn er sie passiert. Es ist, als würden Rolling-Stones-Fans Mick Jagger vor sich haben.

Es herrscht Volksfeststimmung

Seltsame Welt? Für deutsche Fans bestimmt. In Deutschland werden Geher wie André Höhne aus Berlin beim Training auf dem Sportplatz als „Schwuchtel“ beschimpft, wenn sie mit ihren Hüften arbeiten. Höhne wurde 13. In Polen ist Robert Korzeniowksi ein Volksheld. Zweimal wurde er Sportler des Jahres, einmal hat er dabei sogar Adam Malysz, den Skispringer, abgehängt.

„In Polen ist er so bekannt wie bei uns Jan Ullrich“, sagt Ronald Weigel, Bundestrainer der deutschen Geher. Weigel ist als Athlet gegen Korzeniowski noch gegangen. Jetzt schickt er seine Athleten zu dem Geher-Meeting, das der Doppel-Olympiasieger in Krakau ausrichtet. Eine Strecke rund um den Markplatz mit 8000 Zuschauern. Gehen wird in Krakau zelebriert. Die Athleten werden im Cabrio vorgestellt, der Sieger erhält einen überdimensionalen Scheck, Musik ertönt, es herrscht Volksfeststimmung. Das Fernsehen ist natürlich live dabei.

In Russland übertragen sie das Gehen auch live. Gehen ist Volkssport. André Höhne war vor ein paar Wochen beim Geher-Europacup in Russland. „Wahnsinn, so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt er. Die Geher wurden mit einer Polizeieskorte abgeholt, auf der Straße winkten Menschen, und als Höhne aus dem Bus stieg, musste er Autogramme geben. Beim Start mussten Polizisten für die Athleten eine Gasse bilden, sonst wären die nicht durch die Massen gekommen. „Die Fans haben jeden angefeuert, egal, wie gut der war“, sagt Höhne.

In Italien gilt Maurizio Damiliano noch heute als sportliches Vorbild. Obwohl er schon 1980 Olympiasieger über 50 Kilometer geworden war, obwohl er schon vor Jahren abtrat. Seinen Abschied inszenierte er als große Show, in Mailands Fußball-Stadion, unmittelbar vor einem Spiel von Inter Mailand. Er holte die damals weltbesten Geher ins Stadion, darunter auch Weigel. Und während jeder Athlet 200 m gehen musste, verkündete der Stadionsprecher dessen Erfolge. 30 000 im Stadion jubelten begeistert. Dann kam Damiliano, und die Fans entrollten Spruchbänder: „Maurizio, wir danken dir.“

André Höhne ging 2002 beim Weltcup in Turin, er genoss es, „die Stimmung war ausgezeichnet“. Auch hier war das Fernsehen live dabei. Mexikos TV-Stationen zum Beispiel lassen gleich drei oder vier Ex-Spitzengeher zu Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen einfliegen. Die früheren Stars kommentieren dann die 20-km- und 50-km-Wettbewerbe. Mexikos Olympiasieger Daniel Bautista und Ernesto Canto haben es zu Ruhm und Reichtum gebracht.

Selbst im englischen Manchester verfolgten Menschenmassen die Geher. 2002, bei den Commonwealth-Spielen, hatte Weigel Mühe, sich durch die Reihen bis zur Strecke vorzukämpfen. Der Rundkurs lag allerdings strategisch günstig: auf dem Gelände eines Einkaufszentrums. Und Weigels Nachbar an der Strecke stellte dem Bundestrainer plötzlich höflich ein paar Fachfragen. Weigel blickte ihn an, stutzte, dann wurde ihm klar, dass er gerade einem Mitglied der königlichen Familie weiterhalf: Prinz Edward.

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