Sport : „Dann heulen sie“

Marcel Rath über seine Erfahrungen in Zypern und seinen Rat an die deutsche Nationalmannschaft

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Herr Rath, haben Sie eigentlich mal für Deutschland gespielt?

Ja, in der U 21, U 20, sogar zusammen mit Michael Ballack. Wieso?

Das heißt: Sie können nicht mehr zypriotischer Nationalspieler werden.

Nee, das ist vorbei. Meinen Sie wegen Rainer Rauffmann?

Genau, Rauffmann hat die zypriotische Staatsbürgerschaft angenommen und mit 35 Jahren sein Länderspieldebüt gegeben.

Rainer Rauffmann ist auf Zypern der Held. Der hat sich hier ein Denkmal gesetzt. Als Deutscher wird man natürlich oft auf ihn angesprochen, wir haben uns auch schon mal getroffen. Die Insel ist klein.

Ist es üblich, dass ausländische Spieler für Zyperns Nationalmannschaft eingebürgert werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht. Ich interessiere mich mehr für die deutsche Nationalmannschaft.

Was erwartet die Deutschen am Mittwoch?

Tja, man darf die Zyprioten nicht unterschätzen. Ich glaube, die Iren haben sie unterschätzt und waren dann ein bisschen überrascht, dass sie 2:5 verloren haben. Zu Hause sind die Zyprioten wirklich stark.

Bundestrainer Joachim Löw hält Zypern in der deutschen EM-Qualifikationsgruppe für den stärksten Gegner nach Tschechien.

Ich weiß nicht. Wenn Zypern alle Spiele zu Hause bestreiten könnte – dann vielleicht. Aber auswärts? Haben die sich nicht auswärts gerade erst sechs Stück gefangen? Wo war das noch?

In der Slowakei.

Das ist typisch. Wenn es läuft, haben sie richtig Spaß am Fußball. Aber wenn es nicht läuft, ist die Gefahr groß, dass sie zusammenbrechen. Die spielen, jetzt mal übertrieben gesagt, Frauenfußball, technisch stark, mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das körperbetonte Spiel ist nicht so ihre Sache. Wenn man denen ein bisschen zusetzt, schauen sie nur staunend zu oder fangen an zu heulen. Ich glaube nicht, dass Deutschland Angst haben muss.

Trotzdem: Der Respekt ist hierzulande nach dem 5:2 gegen Irland relativ groß. Ist Zypern überhaupt noch ein Kleiner?

Die Nationalmannschaft auf jeden Fall. Bei den Vereinen, die im Europapokal spielen, sieht es ein bisschen anders aus. An guten Tagen können sie die europäischen Teams zumindest mal ärgern.

Woran liegt das?

In den Vereinen spielen viele Ausländer, dafür sitzen die Nationalspieler dann dort auf der Bank.

Wie viele Ausländer spielen bei Dighenis Morphou, Ihrem Klub?

Fragen Sie lieber, wie viele Zyprioten wir haben. Im Kader sind es vier, davon spielt normalerweise einer, unser Kapitän. Der arbeitet sonst bei der Polizei.

Ist es üblich, dass die Spieler noch einen richtigen Job haben?

Für die Zyprioten ja. Bei uns ist das bunt gemixt. Einer hat einen Vodafone-Shop, ein anderer einen Adidas-Laden.

Die Versorgung mit Handys und Sportartikeln …

… ist gesichert, und das mit den Strafzetteln ist auch kein Problem.

Wie ist das Niveau der zypriotischen Liga einzuschätzen?

Schwierige Frage. Die vier großen Mannschaften Omonia, Hapoel, Famagusta und Limassol könnten in Deutschland im oberen Drittel der Zweiten Liga mitspielen. Beim Rest kommt es auf die Tagesform an, auch auf die Tagesform des Schiedsrichters.

Wir müssen gestehen, dass wir von Ihrem Klub vorher noch nie gehört haben.

Ich auch nicht – bis mein Berater nach dem Abstieg mit Ahlen mit dem Angebot ankam. Ich habe gesagt: Okay, ich probiere es. Wenn es nicht klappt, setz ich mich eben ins Flugzeug und fliege zurück nach Deutschland.

Wie ist das Leben auf Zypern?

Sehr angenehm. Man kann es hier wirklich gut aushalten. Zypern ist multikulti, hier leben viele Ausländer, und alles läuft etwas gemächlicher ab, auch im Fußball.

Was meinen Sie?

Wenn in Deutschland um drei Uhr Training ist, sind die Spieler spätestens eine halbe Stunde vorher in der Kabine. Hier reicht es auch, wenn du um drei Uhr kommst. Das wird alles nicht so genau genommen. Du kannst auch kurz vor dem Spiel noch mit dem Handy in der Kabine telefonieren.

Daran kann man sich gewöhnen, oder?

Ich weiß nicht. Ich bin immer der Erste, der da ist, und der Letzte, der nach dem Training wieder geht. Nach meinem ersten Spiel saß ich 20 Minuten nach dem Abpfiff ganz alleine in der Kabine, alle anderen Spieler waren schon weg. Das ist doch nicht normal. Normalerweise bist du nach einem Spiel kaputt, setzt dich erst mal hin, lässt dich massieren. Der Kotrainer kam zu mir und hat mich gefragt, ob ich denn nicht nach Hause will.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Marcel Rath, 31, spielt seit dieser Saison für den zypriotischen Erstligisten Dighenis Morphou in Nikosia. Zuvor stand er unter anderem bei Hertha BSC und dem 1. FC Union unter Vertrag.

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