Sport : Darum sind wir Mitläufer

Laufen fasziniert, und es liegt im Trend: Einmal einen Marathon laufen – das ist für viele ein Lebensziel. Jogger schwärmen zahlreich wie Wespen durch die Stadtparks. Den ersehnten Rausch erreichen nur wenige

Anke Myrrhe
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Professionell unterwegs. Früher dientedpa

Man könnte denken, die ganze Welt besteht nur noch aus Läufern. Wie ein Wespenschwarm, der bei einem gemütlichen Frühstück am Sonntagmorgen stört, fallen sie in die Parks ein und rufen bei jenen, die entspannt auf dem Rasen liegen, ein schlechtes Gewissen hervor.

Laufen liegt im Trend. Ein regelrechter Hype scheint sich darum gebildet zu haben, der zusammenhängt mit einem allgemeinen Gesundheitswahn, der unsere Gesellschaft erfasst hat.

Laufen fasziniert. Kinder bekommen, ein Buch schreiben – und einmal einen Marathon laufen. So oder ähnlich formulieren inzwischen viele Menschen ihre Lebensziele. Doch was treibt zum Beispiel jährlich rund 38 000 Läufer dazu, am New-York-Marathon teilzunehmen? Hans Stollenwerk, Sportsoziologe an der Deutschen Sporthochschule Köln, untersucht seit vielen Jahren die Laufentwicklung in Deutschland. Und er sagt: „Es laufen viel weniger Menschen, als man vermutet.“

In seinen Studien hat Stollenwerk herausgefunden, dass nur zwischen 14 und 24 Prozent der Deutschen regelmäßig joggen. Damit sind allerdings nur die Freizeitläufer mit den schlabberigen Jogginghosen und den ausgelatschten Turnschuhen gemeint, nicht jene, die sich für den diesjährigen Berlin-Marathon angemeldet haben. Die Langstreckenläufer sind in der deutlichen Minderheit. „Dass inzwischen jeder zweite einen Marathon läuft, ist ebenfalls Unsinn“, sagt Stollenwerk. Dass trotzdem viele dieses Gefühl haben, führt der Sportsoziologe auf die hohe Publizität eines Marathons zurück: Die Strecke führt meist durch große Teile der Stadt, Straßen werden gesperrt – so bemerkt jeder das Ereignis.

Also ist es doch die eigene subjektive Empfindung, das schlechte Gewissen, dass uns die Läufer im Park so zahlreich erscheinen lässt? „Nein“, sagt Hans Stollenwerk. „Im Vergleich zu den Sechziger- und Siebzigerjahren kann man durchaus von einem Boom sprechen.“ Früher diente das Laufen nur zur Trainingsunterstützung für andere Sportarten wie etwa Fußball – und nicht wie heute zum Selbstzweck. Gesundheit und Fitness seien dabei tatsächlich die Hauptmotivation der Läufer, neben Spaß an der Bewegung und Entspannung. „Das ist kein Gesundheitswahn, sondern eine vernünftige und seriöse Entwicklung in der Gesellschaft“, sagt Stollenwerk.

Im Alltag läuft der Mensch immer seltener: Er fährt Auto, U-Bahn, Bus, Roller, Motorrad oder er fliegt. Immer weniger Berufe erfordern noch Bewegung. „Jeder will etwas tun, Sport treiben, sich bewegen“, sagt Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie an der Universität Halle-Wittenberg. „Laufen ist die einfachste Variante. Man braucht keine Ausrüstung, ein paar Schuhe und los.“

Stoll untersucht mit seiner Forschungsgruppe, welche Mechanismen im Körper ablaufen, wenn der Mensch läuft. Vor allem beschäftigt er sich mit dem unter Läufern ersehnten Phänomen des „Runner’s High“, einem Zustand, der in der Psychologie bereits in den Siebzigerjahren von dem Psychologen Mihály Csikszentmihályi als „Flow“ benannt wurde. Er beschreibt, wie ein Mensch ganz in einer Tätigkeit aufgeht, jegliche Zeitwahrnehmung verliert und völlig fokussiert ist. Alles andere spielt keine Rolle mehr, der Mensch hört auf zu grübeln, die Dinge geschehen automatisch. „Dieser Zustand wird als extrem positiv empfunden“, sagt Stoll. „Er entsteht nicht nur beim Laufen, auch Chirurgen können ihn bekommen oder Künstler, die völlig in ihrer Arbeit aufgehen“, erklärt er.

„An kalten Tagen denke ich ein bisschen an die Kälte und an heißen Tagen an die Hitze. Wenn ich traurig bin, denke ich an die Traurigkeit, und wenn ich froh bin, an die Freude“, schreibt der japanische Autor Haruki Murakami in „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. „Doch abgesehen davon denke ich wirklich so gut wie nichts“, schreibt er weiter. „Ich laufe, um Leere zu erlangen.“

Dass es dieses Phänomen gibt, ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen. „Es gibt einen bestimmten Punkt, je nach Alter und Kondition der Läufer, ab dem der Körper mit dem Sauerstoff, den er zur Verfügung hat, haushalten muss, da die meiste Energie in die Muskeln fließt. Deswegen werden bestimmte Hirnareale heruntergefahren“, sagt Stoll. Das Gehirn arbeitet dann aufgabenorientiert, schaltet auf Schongang. Der Teil etwa, den wir zur Problemlösung benötigen, wird weniger genutzt.

Alleine können den Flow-Zustand nur wenige Läufer erreichen – und selbst sie schaffen es nur, wenn sie mit hoher Intensität trainieren. Deswegen glaubt Stoll auch nicht, dass die Suche nach dem Flow für die meisten der Hauptgrund ist, zu laufen. Der soziale Faktor – Ablenkung, sich mit Freunden unterhalten – sei wichtig. „Laufen kann durchaus psychotherapeutische Effekte haben“, sagt er. „Das muss aber nichts mit dem Flow zu tun haben.“

Denn da ist noch etwas, das Oliver Stoll „Selbstunternehmertum“ nennt: Projekte, die ein Sportler in Angriff nehmen kann, Zielsetzungen wie jene, einmal im Leben den New-York-Marathon zu laufen. „Da gehört einiges dazu: Ich muss zielgerichtet trainieren, mir ein Flugticket und eine Startnummer besorgen, meine Reise planen.“ Nicht wenige haben aber nach ein oder zwei Langstreckenläufen genug. Vielen reicht es eben, sich das Lebensziel „einmal einen Marathon laufen“ zu erfüllen. Dann ist es genug und man kann sich wieder gemütlich in den Park legen.

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