Das 11-Freunde-Fan-Duell : Schieß doch!

Das ist der Gipfel: Warum Bayern-Fans die Konkurrenz aus Bremen nicht leiden können – und umgekehrt. Werder-Fan Arnd Zeigler und Bayern-Anhänger Markus Kavka liefern sich ein Duell.

Markus Kavka,Arnd Zeigler


Ich bin ehrlich: Eigentlich gibt’s an Werder Bremen kaum etwas, das man nicht leiden könnte. Ein grundgütiger, sympathischer Verein ist das, dazu noch einer, der in der Bundesliga seit Jahren den schönsten Fußball spielt. Dennoch kommt einem bei Werder ein Wort in dem Sinn, das auch „Leid“ enthält, und dieses Wort ist schlimmer als alle anderen, die einem in dieser Angelegenheit einfallen könnten, nämlich: Mitleid.

Seit Jahrzehnten sind die Sisyphöschen von der Weser mit dem Turmbau zu Bremen beschäftigt, und stets kommen die bösen Männer aus München, Gelsenkirchen und dem Ausland, um das mühevoll errichtete Bauwerk in seinen Grundfesten zu erschüttern, auf dass der Weg hoch in den Fußballolymp auf ewig verwehrt bleibe. Sicherlich ist bei dieser Veranschaulichung die griechische Mythologie wild mit dem alten Testament verquirlt, aber nur eine solche Anhäufung von Ungemach vermag die Dimension des Werderleids zu verdeutlichen.

Es reicht einfach nicht, und es wird nie reichen. Vielleicht hin und wieder mal für eine Deutsche Meisterschaft, aber nicht für das, was selbst Klubs wie Borussia Dortmund oder Olympique Marseille wenigstens einmal vergönnt war – nämlich die Champions League zu gewinnen. So viele „Wunder von der Weser“ kann es gar nicht geben, insofern nervt das ständige „Wir sind auf Augenhöhe mit Europas Spitze“-Gelaber nach jedem gelungenen Champions-League-Auftritt ganz gewaltig, im gleichen Maße wie das ständige Bestreben, sich als studentischer Untergrundclub zu präsentieren, wenn es mal wieder nicht so gut läuft.

Zugegeben: Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind gute Typen, man sollte aber dennoch nicht so tun, als trüge Werder Bremen per se die Liebe in sich, schon gar nicht, wenn einer wie Tim Wiese zwischen den Pfosten steht. Doch sogar mit ihm kommt Werder einem manchmal vor wie ein armer, kleiner, dreibeiniger Hund, ein humpelndes Labradorwelpchen, bei dem es einen zu Tränen rührt, wenn die Dobermänner der Branche mit ihm spielen. Sie nehmen es nicht ernst und finden es so putzig, dass es ihnen schwer fällt, Aggressionen zu entwickeln.

Die Underdogs (sic!) von der Weser also. Insofern verwehre ich mich auch gegen den Gebrauch des Begriffs „Nord-Süd-Gipfel“ im Zusammenhang mit dem Spiel Bayern gegen Bremen. Der Nord-Süd-Gipfel ist für mich immer noch HSV gegen Bayern. Apropos HSV: Dessen Fans sind nahezu die einzigen, die explizit etwas gegen Bremen haben. Ansonsten haben die Fußballfreunde landauf, landab den SV Werder und seine Anhänger ganz doll lieb. Ganz im Gegensatz zum FC Bayern.

Als Bayern-Fan ist man nämlich nahezu automatisch ein schlechter Mensch. Man unterstützt einen Klub, der die Liga leer kauft, der nie gegen den Abstieg spielen musste, der mit Uli Hoeneß und Oli Kahn grenzwertige Charaktere in seinen Reihen hat, der einfach rundum unsympathisch ist. Es ist so leicht, Bayern zu hassen. Dass der FCB kein Bundesliga-Gründungsmitglied war, sondern sich erst hoch kämpfen musste, dass er seit Jahren fast alleine dafür verantwortlich ist, Punkte für die Uefa-Fünfjahreswertung zu holen, wird gern übersehen. Ebenso wie dass er immer der erste ist, wenn es beispielsweise wie beim FC St. Pauli darum geht, einen Verein vor der Pleite zu bewahren, und dass ein Fußballhalbgott wie Mehmet Scholl 15 Jahre dort gespielt hat. Aber: Prallt an mir ab, ist eh nur der Neid.

Und wahrscheinlich ist es genau das, was ich an Werder vermisse. Es gibt kaum Gründe, diesen Klub nicht leiden zu können oder auf ihn neidisch zu sein. Wie langweilig. Denn ich persönlich lebe, zumal als Bayern-Fan, getreu der Maxime: Viel Feind, viel Ehr – viel Freund, viel Mitleid. Das wird auch Klaus Allofs so sehen, wenn er 2009 Uli Hoeneß als Manager des FC Bayern München beerbt. Endlich mal ein Verein von Welt, nicht so eine Schrebergartentruppe, wird er sich denken. Wuff!

Markus Kavka, 40, ist MTV-Moderator, DJ, Buchautor und seit 1973 Fan des FC Bayern München.


Eines vorweg: Meine Antipathie gegen die Bayern ist nicht mehr so monströs wie vor vielen Jahren. Damals, als ich nicht mehr vom „bösen Watz“ schlecht träumte, sondern manchmal von Hansi Pflügler.

Mein etwas gebröckelter Bayern-Hass hat eng mit der Person von Manager Uli Hoeneß zu tun, den ich inzwischen beinahe mag. Es muss an der Altersmilde liegen – ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob an seiner oder an meiner.

Aber kommen wir mal zum Eingemachten: Um zu demonstrieren, weshalb man Bayern München nicht unbedingt mögen muss, ziehe ich gerne eine kleine Metapher zu Hilfe. Ich vergleiche meinen Lieblingsverein und die Bayern mit zwei Architekten. Beide bekommen die Aufgabe, ein möglichst tolles Haus zu bauen.

Der eine Architekt, nennen wir ihn „Dipl. Ing. Werner Bremen“, hat für dieses Haus eine Summe von 200 000 Euro zur Verfügung. Der andere Architekt, nennen wir ihn „Uli Wurst“, bekommt für dieselbe Aufgabe 2 000 000 Euro. Am Ende haben beide Kollegen traumhafte Häuser gebaut, die sich in punkto Attraktivität in letzter Konsequenz eigentlich nur durch eine etwas höherwertiges Garagentor beim Kollegen aus München unterscheiden. Ja, es ist sogar noch schlimmer: Im Grunde ist das billige Haus schöner geworden, weil der Entwurf aus München viel überteuerten, etwas protzigen Schnickschnack enthält.

Und nun fragen wir den Schiedsrichter: Welcher Architekt hat den respektableren Job gemacht? Aus sportlicher Sicht, ganz neutral betrachtet, war es der aus Bremen, der mit weniger Geld ein nahezu identisches Resultat hinbekommen hat. Oder?

An dieser Stelle schiebe ich in meine schon etwas gebückte Metapher (ich bringe sie wirklich bei jeder Gelegenheit so penetrant an, dass es schon nicht mehr schön ist!) den vorsichtigen Satz ein, dass ich den Bayern das Geld nicht neide, weil sie es sich höchst ehrbar über viele Jahrzehnte erwirtschaftet haben. Anders als Schalke zum Beispiel. Aber aus heutiger Sicht und den Jetzt-Zustand betrachtend, kommen in Bremen einfach der bessere Job und die größere Leistung zum Vorschein. Deshalb bin ich stolz auf meinen Verein, und das ist mal der erste wichtige Punkt.

Der zweite Punkt betrifft meine Stadt Bremen. Bremen ist eine Fußball-Stadt! Die Münchener sind mit spöttischem Seitenblick auf Bremen überzeugt, dass bei ihnen alles größer, schöner, besser ist. Dafür ist in Bremen alles Werder. Höhö! Unser Stadion ist nicht gefüllt mit rot-weiß gewandeten Menschen aus Gelsenkirchen, Frankfurt und Flensburg, die sich die Bayern irgendwann mal als Verein ausgesucht haben, weil die nun mal am häufigsten gewinnen. Im Weserstadion sitzen maßgeblich Bremer, die deshalb Fans sind, weil sie an der Seite dieses Vereins aufgewachsen sind, so wie auch ihr Verein an ihrer Seite stetig gewachsen ist. Als Werderfan wird man geboren. Den Lieblingsverein Bayern sucht man sich hingegen aus wie aus einem Versandhauskatalog, weil er fürs investierte Geld die meisten Siege zu versprechen scheint. Bayernfans sind dazu verdonnert, niemals Leidensfähigkeit gelernt zu haben und dadurch mit einer „Leidenschaft Light“ ihrem Fansein nachzugehen, weil ihr Lieblingsverein ja bereits in einer handfesten Krise steckt, wenn er Dritter ist. Ich habe einen Abstieg miterlebt und mir deshalb im Teenageralter einen wertvollen Blick auf das angeeignet, was im Leben eines Fans großartig ist: die vielen kleinen Dinge, die es so toll machen, einem Verein wirklich nahezustehen.

Mein Kollege Markus Kavka kommt aus Ingolstadt. Da wäre ich auch ratlos. Man hat ja nichts, dort – und Fußball kennt man nur vom Hörensagen. Ich bin Bremer. Ich bin hier geboren, ich lebe hier, und ich verlasse diese Stadt irgendwann nicht nach rechts oder links, sondern definitiv nur nach unten.

Aber bis dahin haben meine grün-weißen Freunde mir hoffentlich noch viele schöne Schlösser gebaut.

Arnd Zeigler, 42, ist WDR-Fernsehmoderator („Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“), Radiomoderator, Autor und seit 1975 Fan von Werder Bremen.

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