Sport : Das Abenteuer beginnt

Hamburgs Eishockeyteam debütiert in London

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Von Claus Vetter, London

Der Augenblick ist historisch bemerkenswert und absurd zugleich. Ein Eishockeyteam, ausgerechnet aus Hamburg, absolviert das erste Spiel seiner Vereinsgeschichte in …London! Mitten im August, in einer mit knapp 30 Grad wohltemperierten Eishalle. Und dann ist da noch der am Akzent unschwer als Nordamerikaner zu identifizierende Stadionsprecher, der etwas von „Hamburg Freeze“ ins Mikrofon plappert. Erst nach dem ersten Drittel wird das auf dem Videowürfel korrigiert. „Hamburg Freezers“ ist dort zu lesen - der abenteuerliche eines Klubs, dessen Entstehungsgeschichte im deutschen Eishockey einmalig ist.

Wir befinden uns mitten in den Docklands. Ein Viertel in London, das vor einem guten Jahrzehnt noch nicht existierte. In den vergangenen Jahren wurde unweit des eher strukturschwachen Bezirks East End ein Büroturm nach dem anderen gebaut. Banker statt Bettler bestimmen das Bild. Eine alte Fabrikhalle wurde vom Neubauwahn verschont und zur Eishalle umfunktioniert: Die London Arena ist die Heimstätte der London Knights, eines Eishockeyteams aus dem Imperium der Anschutz-Gruppe aus Denver. Die europäische Dependance des Unternehmens hat ihre Zentrale gleich um die Ecke der London Arena, in einem kleinen zweistöckigen Gebäude an der Themse.

Sechs Eishockeyteams gehören in Europa zur Anschutz-Gruppe. Neben den London Knights sind dies Sparta Prag, Hammarby Stockholm, die Geneva Eagles, die Berliner Eisbären und, seit wenigen Wochen, die Hamburg Freezers. Seit Donnerstag streiten die Teams in London sozusagen um die Anschutz-Meisterschaft. Inmitten der Saisonvorbereitung der sechs Klubs sicher eine sportlich eher belanglose Veranstaltung. Dass das mediale Interesse am Turnier in London vergleichsweise groß ist, daran haben allein die Hamburg Freezers Schuld. Schließlich ist die Geschichte um das Team in Hamburg eine einmalige: Vor wenigen Wochen erst hat Anschutz beschlossen, seine zwar sportlich erfolgreiche, aber finanziell erfolglose bayerische Filiale zu schließen und das Team der München Barons nach Hamburg zu transportieren. Dort wird neben der AOL-Arena eine Halle errichtet, in der die Freezers ab November ihre Heimspiele vor bis zu 14 000 Zuschauern abhalten sollen.

Ein gewagtes Unternehmen. Schließlich gab es in der Fußballstadt Hamburg noch nie eine erstklassige Eishockeymannschaft. Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) ist Neuland in Hamburg, die Vorfreude darauf scheint enorm zu sein. Ein wenig unbedarft begrüßte Bürgermeister Ole von Beust unlängst den Trainer der Freezers, Sean Simpson, im Hamburger Rathaus und freute sich öffentlich darüber, dass Hamburg nun endlich „auch eine Mannschaft in der DSL“ hat. Und auf der Internetseite der Freezers wird dem interessierten Fan mitgeteilt, dass „die Anstoßzeiten“ für die Heimspiele noch nicht feststehen.

Bevor es so weit ist, bleibt ja noch ein wenig Zeit, den potenziellen Zuschauern zu erklären, dass im Eishockey Anstöße eher selten zu beobachten sind und dass die Liga DEL und nicht DSL heißt: Bis die Color Line Arena fertig ist, müssen die Freezers reisen, zunächst stehen zwölf Auswärtsspiele in Folge an. Diese Umgestaltung des Spielplans war für die DEL ein einmaliges Abenteuer. Eines, das Sean Simpson mit Geduld anzugehen versucht. „Die Mannschaft ist noch nicht komplett“, sagt der Mann, der die München Barons vor zwei Jahren auf Anhieb zur deutschen Meisterschaft führte. „Uns fehlen noch vier Ausländer, wir sind erst seit zehn Tagen auf dem Eis, da gibt es noch viel zu tun." Simpson lächelt, irgendwie wird das schon. Geduld ist eben angesagt, auch mit den vielen aus Hamburg angereisten Journalisten. Simpson beantwortet jede Frage. Während des Trainings in der London Arena gestattet Simpson sogar einer Fotografin, das Eis zu betreten – obwohl er seinen Spielern an der Taktiktafel gerade Anweisungen gibt.

Der schwedische Stürmer Thomas Sjögren, der vor wenigen Wochen bei den Freezers unterschrieben hat, nimmt es mit Humor. „Noch ist alles ein wenig ungeordnet. Aber wir werden schon eine gute Rolle spielen“, sagt Sjögren. Wie sein verteidigender Kollege Greg Andrusak kennt Sjögren die DEL aus seiner Zeit bei den Berliner Klubs Eisbären und Capitals. Und Hamburg? Spielen die Fans mit? „Weiß ich nicht. Ich kenne die Stadt nicht, und eigentlich hätte ich auch lieber in Berlin gespielt“, sagt Sjögren. Immerhin wurde in Hamburg schon der erste Fanklub der Freezers gegründet. Er setzt sich aus Eishockeyfans zusammen, die seit Jahren in der kleinen Eishalle im Stadtteil Farmsen zweit- oder drittklassiges Eishockey bejubelt haben. Ob nun als EHC Hamburg, Hamburger SV oder als Hamburg Crocodiles - Hamburg war in der Eishockeyszene bislang Provinz. Wer gibt nun die Garantie, dass trotz neuer Großarena Hamburg zur Eishockeystadt wird? „Es gibt keine Garantien im Leben“, sagt Tim Leiweke, der Präsident der Anschutz-Gruppe. „Sichere Märkte gibt es nicht. Aber Hamburg hat viele Vorteile.“ Es folgt eine Auflistung diverser Vorzüge der Stadt an der Elbe, serviert mit einem geschäftstüchtigen Lächeln. Soll heißen: was wir bei Anschutz machen, das hat eben Erfolg.

Sogar der Boss des Imperiums aus Denver hat in London vorbeigeschaut. Philip Anschutz gilt als eigentlich öffentlichkeitsscheu, sein Auftritt in London passte gar nicht in dieses Bild. Auf einer Pressekonferenz vor dem Turnier stellte er eine Frage, und beim Premierenspiel der Freezers in der London Arena war Anschutz nicht zu übersehen: An einer Stirnseite der Eisfläche wurde die Stehplatztribüne zum VIP-Bereich umgebaut. Vom Polstersofa aus verfolgte Anschutz den ersten Auftritt der Freezers und hatte seine Freude. Bis kurz vor Schluss führten die Hamburger 1:0 und verloren erst nach Penaltyschießen. Da hatte der Boss aus Amerika die Champagnerzone schon längst wieder verlassen.

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