Sport : Das Alphatier der Akademie

Der 18 Jahre alte Kevin Prince Boateng könnte Herthas Star der Zukunft sein

Stefan Hermanns

Berlin - Kevin Prince Boateng beherrscht auch die Übungen mit hohem Schwierigkeitsgrad. Kasper Bögelund, der dänische Nationalspieler von Borussia Mönchengladbach, hat das am Sonntag gleich zu Beginn des Spiels bei Hertha BSC bestaunen dürfen. Boateng zog den Ball mit der Sohle seines rechten Fußes zurück und spielte ihn dann mit der Innenseite hinter seinem Rücken und an Bögelund vorbei in den Lauf seines Kollegen Marcelinho. „Kevin ist ein Vollblutfußballer“, sagt Herthas Trainer Falko Götz.

Es ist nicht so, dass sich die Verantwortlichen des Berliner Fußball-Bundesligisten in der Beurteilung ihrer Nachwuchsspieler durch besondere Zurückhaltung auszeichnen. Im Gegenteil. Spieler, deren Namen heute kaum noch jemand kennt, wurden von Manager Dieter Hoeneß schon mal als Talente gelobt, um die ganz Europa den Verein beneide; doch selten haben die Berliner so euphorisch geklungen wie bei Boateng. Und selten war die Euphorie so gerechtfertigt.

Boateng, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, ist 18 Jahre alt. Er hat schon als 17-Jähriger für Hertha in der Regionalliga gespielt, ist seit dem Sommer Profi, und am Sonntag, gegen Mönchengladbach, durfte er zum ersten Mal von Beginn an in der Bundesliga auflaufen. Boateng spielte neben Niko Kovac hinter drei offensiven Mittelfeldleuten und sollte die linke Seite bearbeiten. Als der Rest seiner Kollegen in der Anfangsphase noch die Orientierung suchte, war Boateng allein durch sein Auftreten Herthas herausragende Figur.

Gladbachs Spielmacher Eugen Polanski, der im Sommer mit Boateng bei der U-19-Europameisterschaft im Halbfinale scheiterte, sagt: „Er war ziemlich präsent, sehr auffällig und hat versucht, etwas Kreatives zu machen.“ Dass Boateng die meisten Ballkontakte hatte, kam nicht von ungefähr. „Er übernimmt Verantwortung“, sagt sein Kollege Yildiray Bastürk. „Wenn er so weitermacht, wird er es in den nächsten Monaten auf Dauer in die erste Elf schaffen.“ Am Mittwoch, im Uefa-Cup bei Sampdoria Genua (20.45 Uhr, live im ZDF), wird er wohl wieder von Anfang an spielen, weil neben Dick van Burik (Gehirnerschütterung) und Oliver Schröder (Prellung) auch Pal Dardai (Leistenprobleme) ausfällt. Dafür fliegt Gilberto mit nach Italien.

Manager Hoeneß hat Boateng vor der Saison als „Mann der Zukunft“ bezeichnet. Angesichts der unbefriedigenden Finanzsituation könnte diese Aussage eine ganz andere Bedeutung bekommen, als ursprünglich gedacht: weil Boateng zur Symbolfigur für Herthas künftige Personalpolitik werden könnte. Da der Klub sich auch in den nächsten Jahren kaum teure Stars leisten kann, ist eine Steigerung des spielerischen Niveaus nur mit Kräften aus dem eigenen Nachwuchs zu erzielen. „Kevin ist einer der ganz, ganz wichtigen Spieler für unseren Verein“, sagt Falko Götz.

Vier Millionen Euro investiert Hertha pro Jahr in die Nachwuchsarbeit, die Akademie auf dem Olympiagelände gilt als vorbildlich, 30 deutsche Jugend- und Junioren-Nationalspieler beschäftigt der Verein. Kein Bundesligist hat so viele Spieler aus der eigenen Jugend unter Vertrag. Doch immer deutlicher zeigt sich, dass nicht alle von ihnen auf Dauer die hohen Erwartungen erfüllen. Gegen Gladbach stand außer Boateng und dem Rückkehrer Niko Kovac kein Feldspieler aus Herthas Nachwuchs auf dem Platz.

Der 18-Jährige kann das werden, was aus Herthas Jugend lange niemand mehr geschafft hat: ein Spieler, der auch bei den Profis in der Bundesliga den Unterschied ausmacht. Für Götz ist Boateng „ein Rohdiamant, der hier und da noch ein bisschen Schliff braucht“. Bei Herthas U 23 ist der Mittelfeldspieler nicht nur durch seine technischen Qualitäten aufgefallen, sondern auch durch manche Unbeherrschtheit. Und als er vor kurzem wegen eines Muskelfaserrisses mehrere Wochen pausieren musste, gab es im Verein Unmut, weil Boateng sein Reha-Training nicht ernst genug nahm. „Meine Laktatwerte waren in Ordnung“, sagt er. „Das zeigt, dass ich gearbeitet habe.“ Auch den latenten Vorwurf, er neige zum Abheben, bestreitet Boateng: „Dazu gibt es viel zu viele Menschen um mich herum, die mich wieder auf den Boden holen.“ Einer spielt sogar mit ihm bei Hertha: Dick van Burik, der gemeinsam mit seinem Vater Karel Boatengs Berater ist.

Der ein Jahr ältere Gladbacher Eugen Polanski sagt, Boateng sei auf dem Platz ein Draufgänger und auch daneben „ein bisschen verrückt – aber er kennt seine Grenzen“. Beide gelten als Mittelfeldspieler mit großer Perspektive, und vielleicht hat die Zukunft des deutschen Fußballs am Sonntag zum ersten Mal zusammen in der Bundesliga gespielt. Wer besser war? Kevin Prince Boateng sagt: „Ich.“

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