Sport : Das alte Deutschland

Beim 2:2 gegen die überlegenen Holländer bedient sich die Nationalelf aus der eigenen Vergangenheit

Stefan Hermanns[Rotterdam]

Spät am Abend scheiterten die Holländer ein letztes Mal an der deutschen Willenskraft. Auf unerlaubtem Terrain, in einem Durchgang genau vor dem Kabinentrakt, hatten die Journalisten die ersten deutschen Nationalspieler abgefangen. Die verbotene Versammlung wurde prompt wieder aufgelöst. „Pass auf!“, riefen zwei massige Sicherheitsmenschen, die die Menge auseinander trieben. Doch dann wurde auch ihr vehementer Vorwärtsdrang abrupt gestoppt. Bundesinnenminister Otto Schily versperrte den Weg, weil er vor zwei Fernsehkameras ein Interview gab. Und an Schily kommt so leicht keiner vorbei.

Den Holländern sollte das eigentlich bekannt vorkommen. Immer wenn sie glauben, dass sie einen wichtigen Schritt nach vorne machen können, stellen sich ihnen die Deutschen in den Weg. So ist es ihnen auch am Mittwoch wieder ergangen. Die erste Minute der zweiten Halbzeit war noch nicht vorbei, da hatte Arjen Robben die holländische Fußball-Nationalmannschaft 2:0 in Führung geschossen. Am Ende aber gelang den Deutschen durch ein Kopfballtor von Michael Ballack nur drei Minuten später und den Treffer von Gerald Asamoah (81.) doch noch der Ausgleich zum 2:2. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir so von den Deutschen überrascht werden“, sagte Hollands Bondscoach Marco van Basten.

Dabei hatte das Überraschungsmoment zunächst auf Seiten der Holländer gelegen. Bereits in der dritten Minute traf Robben zum 1:0. Nach einer zu kurzen Kopfballabwehr von Christian Wörns zog der Stürmer vom FC Chelsea von der rechten Seite in die Mitte und schoss den Ball mit Macht und Präzision gleichermaßen in den Winkel des deutschen Tores. Robbens Schuss war der klare Ausdruck für die Überlegenheit des holländischen Vortrags während der ersten halben Stunde. Mit einer beängstigenden Genauigkeit spielten die Niederländer gerade den Fußball, der Bundestrainer Jürgen Klinsmann auch für seine Mannschaft vorschwebt: schnell, aggressiv und zielgerichtet. Nach 35 Minuten hätten die Holländer 4:0 führen müssen.

Vor allem in der ersten Halbzeit machte sich der Vorsprung durch Technik bemerkbar. Die Deutschen hatten selbst bei getragenem Tempo Schwierigkeiten, den Ball mehr als zwei-, dreimal unter Kontrolle zu halten. „Das kann nicht sein“, sagte Thomas Hitzlsperger. „Da müssen wir mehr Druck ausüben auf den Gegner.“ Stattdessen versuchten die Deutschen vergeblich, bei dem verwirrenden Positionsspiel der Holländer nicht den Überblick zu verlieren. „Wir haben in der ersten Halbzeit nichts falsch gemacht“, sagte Kapitän Michael Ballack. „Weil wir gar nichts gemacht haben.“

Auch wenn die Angelegenheit am Ende noch recht glimpflich ausging, so hat der Abend von Rotterdam gezeigt, wie schnell, bei allen Fortschritten, das neue Deutschland von Jürgen Klinsmann an seine Grenzen stößt. Wer schnell spielt, ohne über die nötigen technischen Fertigkeiten zu verfügen, wird letztlich nur schnell den Ball verlieren. „Wir konnten die Bälle kaum halten“, sagte Verteidiger Christian Wörns, der mit seinen Kollegen in der Abwehr die Folge davon am heftigsten zu spüren bekam. „Wir sind dann die, die immer den Abfall wegräumen müssen.“

Gerade von der Rückkehr der beiden Routiniers Wörns und Dietmar Hamann hatte sich Klinsmann einen Zuwachs an Stabilität erhofft. „Die beiden sind schwer zu beurteilen“, sagte der Bundestrainer hinterher. Wörns sah auch bei Robbens zweitem Treffer nicht glücklich aus; allerdings bildete er in diesem Fall nur das bedauernswerte Ende einer langen Fehlerkette, die viel weiter vorne begonnen hatte. Dem Mittelfeld um Hamann wiederum gelang es vor allem in der ersten Halbzeit nicht, sich gegen die holländische Dominanz zu behaupten.

Vielleicht war es nur ein Zufall, dass die Rückkehr von Wörns und Hamann mit einem Rückfall in alte Verhaltensmuster zusammenfiel: In der zweiten Halbzeit kämpften sich die Deutschen zurück ins Spiel. Während der Pause, so berichtete Torhüter Oliver Kahn, hätte sich die Mannschaft gesagt: „Jetzt gehen wir mal da raus und zeigen, was Sache ist.“ Die Wende des Spiels aber war weniger deutscher Dominanz geschuldet als der Nachlässigkeit der Holländer, die sich daran ergötzten, ihren Gegner lächerlich aussehen zu lassen. Die Deutschen erkämpften sich zwar acht Ecken (bei nur einer der Holländer), abgesehen von der Szene, die zum 2:2 durch Asamoah führte, erspielten sie sich aber keine einzige Chance. Dass Dietmar Hamann hinterher trotzdem behauptete: „Wir waren nicht unbedingt die schlechtere Mannschaft“, lässt darauf schließen, dass er die Zeichen der neuen Zeit noch nicht richtig zu deuten weiß.

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