Sport : Das anarchische Element

Thilo Stralkowski sticht aus der Hockey-Nationalmannschaft heraus – und hilft den Deutschen über den Ausfall von Christopher Zeller hinweg

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Mann mit Mumm. Stürmer Thilo Stralkowski ist in der deutschen Mannschaft bei der Hockey-EM der Spieler für die unorthodoxen Tore. Foto: dapd
Mann mit Mumm. Stürmer Thilo Stralkowski ist in der deutschen Mannschaft bei der Hockey-EM der Spieler für die unorthodoxen Tore....Foto: dapd

Ein echter Torjäger zeichnet sich dadurch aus, dass er zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle steht. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass Thilo Stralkowski gerade in dem Moment zur Tür hereinkommt, als Markus Weise, der Bundestrainer der Hockey-Nationalmannschaft, zu einer Eloge anhebt. Zu einer Eloge auf Thilo Stralkowski. „Er bringt alles mit, um ein kompletter Stürmer zu sein, hat ein gutes Entscheidungsverhalten, antizipiert gut und ist im Kreis stark“, sagt Weise. „Und ich habe die berechtigte Hoffnung, dass er noch deutlich dominanter spielen kann.“ Stralkowskis Kopf leuchtet jetzt dunkelrot. Aber das liegt nur daran, dass er gerade ein anstrengendes EM-Spiel hinter sich hat. So ein Lob, das sei schon ganz schön, sagt er, aber „ich schwebe jetzt nicht auf Wolke sieben“.

Der Stürmer ist schon wegen seiner Statur ziemlich geerdet. „Mich schiebt so leicht kein Verteidiger weg“, sagt Stralkowski. 1,90 Meter misst er, 91 Kilogramm ist er schwer – mit solchen Maßen fällt man im Hockey ohnehin auf. Inzwischen aber überzeugt der 24-Jährige auch immer mehr durch sein Spiel. „Ich war immer als eines der großen Talente bekannt“, sagt er, „hatte aber auch den Ruf, ein bisschen faul zu sein.“ Ganz unbegründet waren solche Urteile wohl nicht. Stralkowski hätte schon 2006 bei der Heim-WM in Mönchengladbach dabei sein können, wäre jetzt vielleicht Weltmeister und Olympiasieger. Stattdessen hat er erst Anfang des Jahres sein erstes Länderspiel bestritten. In seinem Alter denken die meisten Nationalspieler schon fast wieder an ihr Karriereende, weil sie die professionellen Anforderungen als Amateure nicht mehr erfüllen können, wenn sie ins Berufsleben eintreten. Bei Stralkowski ist das anders. Nach dem Abitur hat er eine Ausbildung zum Piloten angefangen, Hockey lief eher nebenher. Wenn man ihm vor einem Jahr gesagt hätte, dass er doch noch Nationalspieler werden würde, hätte er das nicht geglaubt. Aber irgendwann habe es klick gemacht, erzählt er. Mit einem Personaltrainer hat Stralkowski an seiner Fitness gearbeitet, das macht sich jetzt bezahlt. „Er hat ein bisschen länger gebraucht, um zu erkennen, wie viel man investieren muss, um international spielen zu können“, sagt Bundestrainer Weise. „Aber wenn er das weiter beherzigt, kann er ein Stürmer sein, der nicht nur mitspielt, sondern auch Akzente setzt.“

Bei der Europameisterschaft in Mönchengladbach hat er das längst getan. Zwei Treffer erzielte Stralkowski in den ersten beiden Spielen. Gegen Belgien knüppelte er den Ball aus vollem Lauf ins Tor. Aber man tut Stralkowski unrecht, wenn man sein Spiel nur auf Wucht und Gewalt reduzierte. „Meistens legen sich die Torhüter in solchen Situationen flach hin“, sagt er über den Führungstreffer gegen Belgien, genau deshalb wählte er die Hoch-und-hart-Variante.

Die Deutschen haben bei der EM bisher sehr erwachsen gespielt, klar strukturiert, fast ein bisschen nüchtern. Thilo Stralkowski aber ist so etwas wie das anarchische Element in dieser Mannschaft. Er liebt die verrückten Dinge, und mit seiner unorthodoxen Art hilft er den Deutschen über den Ausfall von Christopher Zeller hinweg, der von einer langwierigen Sehnenentzündung geplagt wird. „Natürlich spielen wir teilweise schon ähnlich“, sagt Stralkowski, „aber es gibt keinen zweiten Christopher Zeller.“

Thilo Stralkowski, der zur hängenden Spitze genauso taugt wie zum Vollstrecker, ist nicht nur deswegen alles andere als Ersatz. Sogar der Original-Zeller hat seinen Vertreter ausdrücklich für dessen Tor gegen Spanien gelobt, einen vermeintlich unspektakulären Abstauber: „Es ist nicht leicht, diesen hoppelnden Ball mit der Rückhand reinzumachen.“ Stimmt, sagt Bundestrainer Markus Weise, für Christopher Zeller sei das tatsächlich nicht leicht. Aber das war natürlich ein Witz.

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