Sport : „Das Angebot gibt es hier nicht“

Tobias Reichmann über Handballspielen in Polen.

Foto: dpa
Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Herr Reichmann, was macht ihr Polnisch?

Um ehrlich zu sein: Es ist nicht existent. Wenn wir mit der Vorbereitung auf die Bundesliga-Saison durch sind, werde ich mich aber schnellstmöglich für einen Sprachkurs anmelden. Ich will ja gut vorbereitet sein im nächsten Sommer…

Dann wechseln Sie vom Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar in die polnische Liga nach Kielce. Warum eigentlich?

Ich habe eine neue Herausforderung gesucht und will unter Beweis stellen, dass ich mich auch in einem anderen Land durchsetzen kann. Vor allen Dingen will ich aber international spielen, das heißt: in der Champions League. All diese Voraussetzungen sind in Kielce gegeben.

Trotzdem: Sie sind gerade einmal 25 Jahre alt, zählen seit einem Jahr zur Nationalmannschaft, zudem gilt die Bundesliga als die beste Liga der Welt.

Viele Leute haben den Kopf geschüttelt, als mein Wechsel bekannt wurde. Aber so wie ich deren Standpunkt akzeptiere, erwarte ich auch, dass sie meinen akzeptieren. Viele kommen nach Deutschland, um Handball zu spielen, warum sollen deutsche Spieler nicht im Ausland eine sportliche Herausforderung suchen und annehmen?

Viele Bundesligisten, selbst die Spitzenteams, müssen bei den Personalkosten sparen. Ist die Bundesliga selbst für Nationalspieler wie Sie nicht mehr so attraktiv wie noch vor einigen Jahren?

Ich mache ja gar kein Geheimnis daraus, dass ich aus Kielce ein wirklich gutes Angebot bekommen habe, das ich wohl bei kaum einem Bundesligisten bekommen hätte. Trotzdem hat mich in erster Linie das Sportliche gereizt, die Perspektive Champions League.

Vor wenigen Wochen hat in Christian Zeitz ein ehemaliger deutscher Nationalspieler seinen Wechsel vom THW Kiel zum ungarischen Spitzenklub Veszprem bekannt gegeben. Lässt sich da nicht ein Trend weg von der Bundesliga erkennen?

Trend ist zu einfach gesagt, wobei beide Wechsel schon gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen. Sowohl Kielce als auch Veszprem sind absolut handballverrückte Städte, da gehen die Fans richtig ab. Vor ein paar Wochen habe ich beim Finalturnier der Champions League in Köln zum ersten Mal die Fans meines künftigen Klubs live gesehen, die haben da für ein echtes Spektakel gesorgt, das hat mich wirklich beeindruckt.

Wie wichtig war bei Ihrer Entscheidung, dass Sie in Kielce auf Bogdan Wenta treffen, einen Trainer, der zu aktiven Zeiten sowohl für die deutsche als auch für die polnische Nationalmannschaft gespielt hat und beide Sprachen spricht?

Bogdan Wenta ist ja nicht der Einzige, der Deutsch spricht. In Kielce gibt es viele Spieler, die bereits in der Bundesliga aktiv waren. Das hat schon eine Rolle gespielt.

Aber Sie nehmen in Kauf, in einer sportlich einseitigen Liga zu spielen?

Veto, so einseitig ist die Liga nicht. Natürlich kann nicht jeder jeden schlagen, wie in der Bundesliga. Aber das hat auch einen positiven Effekt: Die Belastung ist nicht so hoch wie in Deutschland, vielleicht kann ich dadurch ein, zwei Jahre länger spielen als gewöhnlich. Als Profisportler hat man ja höchstens zehn Jahre, in denen man mit Sport Geld verdienen kann.

Das Gespräch führte Christoph Dach.

Tobias Reichmann, 25, spielte in der Bundesliga unter anderem für Magdeburg, Kiel und Wetzlar. Im Sommer 2014 wechselt der Nationalspieler zum polnischen Spitzenklub Kielce.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben