Sport : Das Attentat auf den Eiskunstläufer Bernadis sorgt für Spekulationen

Jutta Deiss

Kalkweiß im Gesicht und sichtlich verunsichert drehte Stéphane Bernadis in der Trainingshalle ein paar Runden auf dem Eis. Streng blickende Sicherheitsbeamte beobachteten aufmerksam die Schaulustigen, die bei jedem zögerlichen Sprungversuch des Franzosen aufmunternd klatschten. Auf die Hebefiguren, mit denen er gewöhnlich Sarah Abitbol auf Händen trägt, verzichtete der 26-Jährige vorsichtshalber. Ein langer, weißer Verband am linken Unterarm verbarg die Wunde, die die Rasierklinge verursacht hatte. Eine Rasierklinge, mit der der unbekannte Attentäter den Eiskunstläufer Bernadis am Tag vor der Kür-Entscheidung der Weltmeisterschaften an der Hotelzimmer-Tür attackiert hatte.

Im Palais des Nations von Nizza wurde auch gestern noch heiß über das Ereignis debattiert. War es ein gezielter Anschlag? Eine Zufallsattacke? Die Tat eines Verrückten? Eines Psychopathen? Fakt ist: Die Eiskunstläufer des Gastgeberlandes waren von Anfang an in Nizza immer unter der Obhut von Leibwächtern unterwegs, nachdem in den letzten Monaten mehrfach Drohungen sowohl bei Bernadis als auch beim Mädchenschwarm und Eistänzer Gwendal Peizerat eingegangen waren. Seit Dienstag ist die Eishalle ein Hochsicherheitstrakt: Eine ganze Armada von Männern, die ihre Bodybuilder-Muskeln unter feinem Tuch unzulänglich verbergen, pausenlos Situationsberichte in unsichtbare Mikrofone flüstern und mit dem kleinen Knopf im Ohr jederzeit in Alarmbereitschaft sind, bevölkern Türen, Flure und Tribünen.

Von den Veranstaltern wird dennoch alles heruntergespielt. Der Verdacht liegt nahe: Die Seifenoper Eiskunstlauf soll romantische Liebesgeschichten und spannende Abenteuer auf dem Eis inszenieren, aber keine Bühne für Gewalt, Neid und verwirrte Fans bieten. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, werden solche Ereignisse gerne ähnlich wie das Doping-Thema behandelt, das die WM zu Beginn der Wettbewerbe überfallen hat: Man staunt, ist entsetzt - und fragt sich: Was hat das mit Eiskunstlauf zu tun. Die Antwort ist: jede Menge. Eiskunstlauf ist eine Reality-Show, die vor der Traumkulisse einer heilen Welt spielt, was die Wirklichkeit besonders irritierend macht.

Man muss sich bloß an die Eishexen-Affäre erinnern. Vor sechs Jahren sorgte das Eisenstangen-Attentat gegen die Amerikanerin Nancy Kerrigan im Vorfeld der Olympischen Spiele von Lillehammer wochenlang für Aufregung. Im Dezember 1999 setzten Unbekannte den erst wenige Wochen alten BMW der russischen Weltmeisterin Maria Butyrskaja vor deren Haustür in Moskau in Brand. Der Schock saß tief.

Und nun Bernadis ...

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