Sport : Das Barcelona Frankreichs

Der OSC Lille begeistert mit offensivem Fußball und sichert sich den ersten Meistertitel seit 57 Jahren

Matthias Sander[Bordeaux]
Allez les Rouges. Lille feiert das Double. Der OSC hat in dieser Saison den schönsten und erfolgreichsten Fußball gespielt. Foto: AFP Foto: AFP
Allez les Rouges. Lille feiert das Double. Der OSC hat in dieser Saison den schönsten und erfolgreichsten Fußball gespielt....Foto: AFP

Reisen nach Paris lohnen sich immer, selten sind sie jedoch so ergiebig wie jüngst für den OSC Lille. Drei Mal fuhr der Fußballverein aus Nordfrankreich innerhalb von neun Tagen in die Hauptstadt, und jedes Mal machten die Lillois mindestens einen Titel klar: am Samstag vor einer Woche im Stade de France den nationalen Pokal, vergangenen Samstag im Prinzenpark vorzeitig die Meisterschaft, die erste seit 57 Jahren, und schließlich wurden am Sonntag mehrere Spieler und Trainer Rudi Garcia von der Spielergewerkschaft UNFP für ihre Leistungen ausgezeichnet.

Dieser Titelrausch krönt den Offensivrausch, mit dem der Olympique Sporting Club das Land verzückt hat. In einer Liga, in der oft genug müde Defensivkicks mit torlosen Unentschieden enden, tat sich Lille mit Siegen wie einem 6:3 gegen Lorient oder einem 4:1 beim Lokalrivalen Lens hervor. Das gefällt auch dem früheren Bremer Johan Micoud, der am Wochenende lobte: „Ich schätze ihre Mentalität, diesen Willen, schön zu spielen und nicht die Philosophie zu ändern, selbst nicht in schwierigen Zeiten.“ Die Medien sprechen gar vom Barcelona Frankreichs – gemeint ist das offensive, schnelle Kurzpassspiel mit viel Ballbesitz.

Über die Jahre hat sich der LOSC kontinuierlich eine Mannschaft für diesen Stil aufgebaut: Der erfahrene Mickael Landreau ist ein mitspielender Torwart mit passabler Ballbehandlung und wurde von der UNFP als zweitbester Torhüter der Saison ausgezeichnet. In der Abwehr ist vor allem der robuste Innenverteidiger Adil Rami zu nennen, dem auch Nationaltrainer Laurent Blanc vertraut. Im Mittelfeld geben zwei Dribbler den Ton an: der Ivorer Gervinho (15 Tore, 9 Vorlagen) und der 20-jährige Belgier Eden Hazard (7 Tore, 9 Vorlagen), der zum Spieler der Saison gewählt wurde. Vorne muss der senegalesische Nationalstürmer Moussa Sow oft nur noch den Fuß hinhalten. 22 Mal ist ihm das bereits erfolgreich gelungen, und nach dem 38. und letzten Spieltag am kommenden Sonntag könnte er mit der Trophäe für den besten Torjäger einen weiteren Titel sammeln. Aber man könnte auch alle anderen Spieler nennen.

Eigentlich hatte der Hauptaktionär und Präsident des LOSC, der Filmproduzent Michel Seydoux, den Gewinn der Meisterschaft erst für nächstes Jahr geplant. Dass es schon jetzt geklappt hat, liegt sicherlich auch an seiner seriösen, langfristigen Planung für den Klub. Im Jahr 2000 kehrte der Verein, entstanden aus seiner Fusion, in die Ligue 1 zurück. Seither spielte der LOSC regelmäßig in europäischen Wettbewerben und gar drei Mal in der Champions League. 2007 eröffnete der Verein ein hochmodernes Trainings- und Ausbildungszentrum. Nächstes Jahr zieht er in sein neues, 50 000 Zuschauer fassendes Stadion, das Spielstätte der Europameisterschaft 2016 sein wird.

Dieses überlegte Wachstum erreicht der LOSC mit vergleichsweise geringen Mitteln. 60 Millionen Euro hat der Verein diese Spielzeit ausgegeben, nicht mal die Hälfte der Budgets von Lyon oder Marseille. Die Konkurrenten aus dem Süden hatten nur mäßigen Erfolg mit teils teuer verpflichteten Angreifern wie Jimmy Briand in Lyon oder Andre-Pierre Gignac in Marseille. Lyon setzte auch große Hoffnungen auf Yoann Gourcuff, der aber im Verein wie in der Nationalelf nie seine überragenden Leistungen im Trikot von Girondins Bordeaux bestätigen konnte.

Fußball-Frankreich fragt sich nun, mit welcher Mannschaft Lille in die Champions League gehen wird. Rami hat schon lange beim FC Valencia unterschrieben, und Gervinho und Hazard sind in Europa sehr begehrt. Hazard hat zwar erst im März seinen Vertrag bis 2015 verlängert, laut der Sportzeitung „L’Equipe“ soll er aber mehrfach von Bayern München beobachtet worden sein. Wie dem auch sei, die Führung des LOSC ist an Abgänge wichtiger Spieler gewöhnt und zuversichtlich, guten Ersatz zu finden. Die nächsten Reisen nach Paris sind schon in Planung: Wie schon in der Vergangenheit will der LOSC die Spiele in der Champions-League im Stade de France bestreiten. Vielleicht gibt es wieder was zu holen.

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