• Das Beste ist die Stimmung. Teamchef Erich Ribbeck und die DFB-Auswahl - eine Bilanz

Sport : Das Beste ist die Stimmung. Teamchef Erich Ribbeck und die DFB-Auswahl - eine Bilanz

G. Derichs,O. Hartmann

Nach einem Jahr unter der Führung von Erich Ribbeck hat sich in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein Klimawechsel vollzogen. Ob die Spielstärke der DFB-Auswahl gegenüber der Amtszeit von Berti Vogts mit dem frühen WM-Ausscheiden 1998 zugenommen hat, ist indes noch fraglich. Kapitän Oliver Bierhoff, der bei der letzten Länderspielreise unter Vogts nach Malta vor einem Jahr mehr Mitspracherechte und ein Ende der Bevormundung eingefordert hatte, unterstrich vor der EM-Qualifikationspartie gegen Nordirland am Mittwoch in Dortmund den Stimmungswandel: "Damals wusste ich nicht, was wird. Jetzt sehe ich die Situation etwas rosiger. Ich bin mit dem Aufbau zufrieden und habe das Gefühl, dass da eine Mannschaft zusammenwächst."

Bierhoff beschrieb einen weiteren Unterschied, der den internen Umgang der Akteure kennzeichnet. Nachdem ein neuer Stamm von Nationalspielern in die Fußstapfen von Klinsmann, Köpke, Kohler oder Helmer getreten ist, hat sich die Kommunikation verändert. "Da traut man sich mehr, dem anderen auch mal etwas zu sagen", sagte Bierhoff, der gemeinsam mit Lothar Matthäus das Führungsduo bildet. "Er ist etwas extrovertierter. Ich habe eine etwas ruhigere Art, intern aber sage ich auch meine Sache", sagte Bierhoff.

Während der ausgebildete Pädagoge Ribbeck die Eigenverantwortung der Spieler fördert, drängte Vogts die Mannschaft oft in einen fest vorgeschriebenen Plan. So war es eine der ersten Amtshandlungen von Ribbeck, die detaillierten Zeitpläne aufzulockern. "Ich muss doch den Spielern nicht sagen, wann Bettruhe ist. Jeder Profi weiß, wie er sich vor einem Spiel zu verhalten hat", beschrieb der 62-Jährige seinen Stil, der von Vertrauen geprägt ist: "Ich glaube nicht, dass ich einen Spieler am Tag vor dem Spiel um 23 Uhr an der Bar oder in der Stadt treffen würde."

Christian Nerlinger, der viele Jahre unter Vogts spielte, stellte den Stimmungsumschwung ebenfalls heraus: "Seit das Gespann Erich Ribbeck und Uli Stielike Verantwortung trägt, herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre in der Nationalmannschaft." Die sportliche Entwicklung hat mit der Verbesserung des Betriebsklimas nicht Schritt gehalten. "Wo wir genau stehen, weiß ich nicht", rätselte selbst Lothar Matthäus. Hinter dem viermaligen Weltmeister Brasilien "gibt es ein Feld von zehn Mannschaften von etwa einem Niveau, darunter auch wir", meinte der Rekord-Nationalspieler.

Die Gesamtbilanz von Ribbeck vor dem Nordirland-Spiel ist mit sechs Siegen, zwei Unentschieden und fünf Niederlagen "mies", wie der Teamchef selbst einräumte. Doch bis auf die 0:1-Auftaktniederlage im Oktober 1998 in der Türkei erreichte der Europameister fünf EM-Qualifikationserfolge. "In den wichtigen Spielen waren wir erfolgreich. So schlecht kann mein Fazit nach einem Jahr also nicht sein", erklärte Ribbeck, dessen Verpflichtung für den DFB zur Trendwende wurde. Anders als seine Vorgänger bekam Ribbeck nur einen kurzfristigen Vertrag bis zum Ende der EM 2000 und einen klaren Auftrag: Qualifikation. "So ist das Geschäft. Wenn sie keinen Erfolg mehr haben, werden sie in Frage gestellt, dann werden sie zum Sündenbock", sagte Ribbeck, der seine Tätigkeiten bei Bayern München und Bayer Leverkusen vorzeitig beenden musste.

"Auch in der Nationalmannschaft sind die Intervalle für Trainer kürzer geworden. Ich gebe mich keinen Illusionen hin, dass es in einer Krisensituation bei mir anders wäre", erläuterte der Coach. Während Vogts, der den Rauswurf bei einem Verein nicht kannte, oft über den großen Druck der Trainer klagte, gibt sich Ribbeck realistischer. Allerdings werden seine fachlichen Qualitäten kritischer hinterfragt als bei Vogts.

Dabei präsentierte sich Ribbeck in den zurückliegenden zwölf Monaten innovativer als Vogts. Während sein Vorgänger vornehmlich von "deutschen Tugenden" sprach und die Athletik überaus hoch bewertete, aber taktisch eher konservativ und unflexibel blieb, geht Ribbeck einen anderen Weg: Er setzt konsequent eine Offensiv-Taktik um und bevorzugt technisch gut geschultes Personal wie Mehmet Scholl.

Seinen guten Stand in der Verbandsspitze hat sich Ribbeck nach seinem ersten Jahr als sportlicher Leiter erhalten. DFB-Präsident Egidius Braun lobte am Rande des EM-Doppelpacks in Helsinki und Dortmund die Arbeit seiner Führungskraft. Aber das war bis zuletzt bei Berti Vogts auch der Fall.

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