Sport : Das beste Tennis

In einem denkwürdigen Finale von Wimbledon siegt Venus Williams 4:6, 7:6 und 9:7 gegen Lindsay Davenport

Benedikt Voigt[London]

So ausgelassen hat man Venus Williams noch nie gesehen. Unaufhörlich sprang die 25-Jährige auf dem Rasen des Centre-Courts in Wimbledon auf und ab, und selbst als sie die silberne Trophäe in ihren Händen hielt, hörte sie nicht auf mit dem Hüpfen. Als Sue Barker das obligatorische Siegerinterview führen wollte, fragte die BBC-Moderatorin: „Bist du jetzt fertig mit Springen?“ Die Hüpferei hatte Venus Williams eingestellt, allerdings nur um nun eine Rede zu halten, die sie auch bei einer Oscarverleihung hätte anbringen können. Sie dankte Mutter, Vater, der einen Schwester, der anderen Schwester, überhaupt allen Freunden.

Nach dem Spiel sagte Venus Williams: „Ich hätte noch viel länger springen können.“ Ihr Gefühlsüberschwang ist verständlich, hatte sie doch gerade ein denkwürdiges Wimbledonfinale gewonnen. 4:6, 7:6 und 9:7 bezwang sie die Weltranglistenerste Lindsay Davenport, die im letzten Satz mit Rückenproblemen kämpfte. „Aber deswegen habe ich nicht verloren“, sagte Davenport. Das Match war mit zwei Stunden und 45 Minuten das längste Frauenfinale, das je in Wimbledon gespielt wurde. Im dritten Satz musste Venus Williams einen Matchball von Lindsay Davenport abwehren, die fast zwei Sätze lang wie die sichere Siegerin ausgesehen hatte. Dann erst hatte Venus Williams ihre Nervosität abgelegt, und es entwickelte sich ein hochklassiges, dramatisches Duell zwischen den beiden US-Amerikanerinnen. „Sie hat es verdient“, sagte Lindsay Davenport, die bei der Siegerehrung mit den Tränen kämpfte, „das Mädchen hat unglaublich gespielt, als sie mit dem Rücken an der Wand stand.“

„Ich lag die ganze Zeit hinten“, sagte Williams. „Das einzige Mal, als ich vorne lag, habe ich das Match gewonnen.“ Es war nach 2000 und 2001 Venus Williams’ dritter Erfolg in Wimbledon. In dieser Statistik hält nach wie vor Martina Navratilova den Rekord. Wäre sie nicht gestern im Doppel mit Anna-Lena-Grönefeld sowie im Mixed ausgeschieden, hätte sie ihren 21. Titel holen können.

Venus Williams’ dritter Erfolg kam unerwartet, denn sie hatte zuletzt vor viereinhalb Jahren bei den US Open 2001 ein Grand-Slam-Turnier gewonnen und ging nur als Nummer 14 der Setzliste in das Turnier. „Sie kam aus dem Nichts“, sagte Davenport. Zuletzt musste man ihr Engagement im Tennis anzweifeln, zumal Vater Richard Williams betonte, dass der Sport nicht der Lebensinhalt seiner Tennis spielenden Töchter sein sollte. Doch Venus Williams hat allen gezeigt, dass sie den Sport immer noch so intensiv betreibt, dass sie die Nummer zwei und die Nummer eins der Welt bezwingen kann.

Bereits im Halbfinale hatte sie die Titelverteidigerin Maria Scharapowa klar bezwungen. Gegen Davenport aber erinnerte zunächst kaum etwas an die selbstbewusste Venus Williams aus dem Halbfinale. Sie begann nervös, hatte Probleme mit dem Aufschlag und leistete sich zehn Doppelfehler. Zwei davon begünstigten im dritten Spiel, dass Davenport ihr erstmals den Aufschlag abnehmen konnte und den ersten Satz gewann. Im zweiten Satz änderte sich nichts an dieser Konstellation, Venus Williams musste im elften Spiel ein Break zum 5:6 hinnehmen. Davenport hatte die Chance, bei ihrem Aufschlagspiel den Titel zu gewinnen. Sie konnte aber keinen Punkt erzielen.

Plötzlich nämlich spielte Venus Williams ihr bestes Tennis. Ihr gelang das Rebreak, sie gewann mit 7:4 im Tiebreak den zweiten Satz, und es entwickelte sich ein denkwürdiger dritter Durchgang. Er dauerte 78 Minuten. Lindsay Davenport hatte bei 5:4 und 40:30 einen Matchball, doch Venus Williams wehrte ihn ab. „Ich habe das Gefühl, dass ich großartig gespielt habe“, sagte Davenport. Nur gab es an diesem Tag eine, die noch besser spielte. Am Ende hätte dieses Match zwei Sieger verdient gehabt. Doch Davenport ist erfahren genug, um zu wissen: „Das ist im Tennis noch nie passiert.“

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