Sport : Das Bild draußen

Wie wichtig die Arena für die Fußball-WM 2006 ist – eine Streitfrage

Robert Ide

Wenn Gertraud Burkert mit dem Auto an der neuen Allianz-Arena im Münchner Norden vorbeifährt, denkt sie zurück an jene Tage, in denen alles ganz einfach war. Damals war Bonn noch die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland und München noch die heimliche Hauptstadt. „Mit dem Umzug der Regierung nach Berlin hat sich alles geändert“, sagt Burkert. Warum die für Sport zuständige Bürgermeisterin der Stadt München gerade in diesen Tagen daran denkt? Weil die neue Arena an der Autobahn für viele Münchner mehr ist als ein Zeichen sportlicher und architektonischer Größe. Sie ist auch ein leuchtendes Zeichen dafür, dass München immer noch eine heimliche Hauptstadt ist.

Am 9. Juni 2006 wird die Fußball- Weltmeisterschaft in der neuen Arena eröffnet. Sie wird dann – mit Rücksicht auf die Sponsoren – Stadion München heißen und in neutralem Weiß leuchten. Vor dem Spiel wird es eine Eröffnungsfeier geben. Die Welt soll auf die Weltstadt mit Herz schauen, als die sich die bayerische Landeshauptstadt gern sieht. Burkert drückt es so aus: „Schon wegen der Bayern und wegen Beckenbauer denken die meisten Münchner, dass der deutsche Fußball ihnen gehört.“

Im kommenden Sommer wird diese Sicht allerdings eingeschränkt. Denn Berlin wird auch bei der WM die wirkliche Hauptstadt sein. Das Finale wird im – mit Bundesmitteln renovierten – Olympiastadion ausgetragen, der Fußball-Weltverband Fifa residiert im Hotel Adlon, die Nationalmannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann bezieht im Grunewald ihr Quartier. „In Berlin ist bei der WM die Energie, deshalb wollen wir dort trainieren“, sagt Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Natürlich werden sich auch die politischen Aktivitäten auf Berlin konzentrieren: Das Nationale Sicherheitszentrum wird in Mitte aufgebaut, Staatsbesuche empfängt die neue Bundeskanzlerin oder der alte Bundeskanzler natürlich im Regierungsviertel. Kein Wunder, dass sich vor einem Jahr ganz München darüber aufregte, dass Berlin auf Drängen von Bundesinnenminister Otto Schily eine Eröffnungsfeier am Vortag der Eröffnungsfeier zugesprochen bekam. Auch im WM-Organisationskomitee, in dem es eine starke Münchner Fraktion gibt, hatten die politischen Ranküne Verärgerung ausgelöst – zumal die Bundestagswahl kurz nach der WM angesetzt war. Nun, da der Wahlkampf zur WM ausfällt, fürchten manche Organisatoren höchstens eine sportliche Zentralisierung des Turniers. Diese ginge allerdings zu Lasten von München.

Neben dem Eröffnungsspiel werden in der neuen Arena fünf weitere WM-Spiele ausgetragen, darunter ein Halbfinale. Schon vor Jahren habe WM-Organisationschef Franz Beckenbauer im Rathaus für den Stadionneubau geworben mit dem Argument, sonst bekomme München keine großen Spiele zugeteilt, berichtet Bürgermeisterin Burkert. Nun steht die Allianz-Arena, die Stadt hat die Infrastruktur rundherum aufgebaut. Das Haupt-Pressezentrum der WM wird derweil von der Münchner Messe errichtet. Doch die Frage, wie viele internationale Korrespondenten lieber nach Berlin fahren, können Insider derzeit nicht beantworten. Berlins Sportsenator Klaus Böger sieht die Sache so: „Wenn in Frankreich eine WM ausgetragen wird, findet auch nicht alles in Marseille statt.“

Die neue Münchner Arena ist ein Zeichen sportlicher und architektonischer Größe. Ob sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auch den Blick der Welt auf Deutschland prägen wird, ist keineswegs ausgemacht.

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