Sport : Das brasilianische Geschenk

Herthas Stürmer Luizao schießt sein erstes Bundesligator und liefert Argumente für ein Duo mit Preetz

Sven Goldmann

Berlin. Mit Geschenken ist das so eine Sache. Oft bereiten sie dem Schenkenden viel mehr Freude als dem Beschenkten, was der eine nie zugeben wird und der andere nicht zugeben kann. So ungefähr war das am Samstagnachmittag, als der Berliner Brasilianer Marcelinho seinem Landsmann Luizao den Ball in die Hand drückte: Bitte schön, Lui, schieß den Elfmeter, mach dein Tor, du hast es dir verdient.

Für den Brasilianer mit dem silber-weiß gefärbten Schopf war es nach außen eine große, aber doch recht einfache Geste. Das Spiel war beim Stand von 4:0 längst entschieden, Marcelinho mit zwei Toren der gefeierte Held, und jetzt konnte er sich auch noch ethisch-moralisch in Szene setzen, eine Mutter Teresa im Fußballtrikot. Luizao konnte das großherzige Geschenk schlecht ablehnen, aber er wird gewusst haben, was für ihn auf dem Spiel stand. Im Falle eines Fehlschusses hätten sie ihn ausgelacht, den Weltmeister, der nicht mal ein Geschenk seines Kumpels nutzen konnte zum erfolgreichen Torschuss, zum ersten Treffer im 13. Bundesligaspiel. Luizao mochte nicht lange drüber nachdenken, und deshalb hat er den Ball lieber schnell ins Tor geschossen, so platziert, dass auch der lange Münchner Torhüter Simon Jentzsch mit seinen krakenartigen Armen nicht mehr rankam. Für Luizao war dieses Tor, das fünfte der Berliner beim 6:0-Sieg über den TSV 1860 München, der zweitschönste Augenblick in seiner Berliner Zeit.

Der zweitschönste? Nun, es braucht wohl ein bisschen mehr als einen verwandelten Elfmeter gegen eine mittelmäßige Bundesligamannschaft, um den Eindruck des 27. Januars zu übertreffen. Das war ein fußballfreier Montag, an dem Luizao dennoch sein blau-weißes Trikot mit der Nummer 9 eingesteckt hat. Es war ein Geschenk für Lula da Silva, den brasilianischen Staatspräsidenten, der sich bei seinem Staatsbesuch in Deutschland ein Treffen mit seinen kickenden Landsleuten gewünscht hatte. Es gibt ein Foto, auf dem der Präsident das Hertha-Trikot vor seine Brust hält, Luizao hält das andere Ende und senkt demütig-selig den Blick. Lula da Silva kommt wie Luizao aus São Paulo, und dort wird der erste sozialistische Präsident Brasiliens verehrt wie ein Heiliger.

Eine Woche später war Luizao wieder mitten im unerfreulichen Alltag. Beim 1:3 in Bremen durfte er eine Stunde lang mitspielen, dann hat ihn Trainer Huub Stevens ausgewechselt, wie so oft gegen Michael Preetz, denn der Berliner Trainer hält nicht viel davon, beide zusammen spielen zu lassen. Beide seien als typische Strafraumspieler zu ähnlich, hat Stevens gesagt. Seine Einschränkung, bei einem entsprechenden Gegner könne man ja noch mal drüber nachdenken, hatte eher theoretischen Charakter. Gegen 1860 hat Stevens dann doch den Sprung von der Theorie in die Praxis gewagt – mit einem fulminanten Ergebnis. Luizao verwandelte nicht nur seinen Elfmeter, er hatte denselben auch herausgeholt und ein Tor von Marcelinho vorbereitet. Preetz gelangen zwei Tore, und in der Rückblende lässt sich beim besten Willen keine Szene finden, da sich die beiden Strafraumspezialisten im Kreidegeviert gegenseitig behindert hätten.

Nostalgiker kramten in ihren Erinnerungen und verwiesen auf die WM 1970, in deren Vorfeld auch über Gerd Müller oder Uwe Seeler diskutiert wurde, auch beides ausgesprochene Strafraumspezialisten. Am Ende spielten beide zusammen und schossen Deutschland bis ins Halbfinale. Preetz und Luizao – das hat am Samstag bestens funktioniert. „Ach ja, geht das wirklich?“, hat Michael Preetz mit deutlich provozierendem Unterton gefragt. Und die Ausschließlichkeitstheorie von Trainer Stevens? „Ich glaube, dem haben wir heute auf dem Platz die richtige Antwort gegeben.“ Und: „So gut, wie das heute geklappt hat, werden wir das ganz bestimmt wiederholen.“

Stevens hat die Aufforderung wohl vernommen, aber er bleibt bei seinem Standpunkt: „Ob ich die beiden zusammen spielen lasse, hängt vom Gegner ab.“ Am nächsten Wochenende gastiert Hertha beim 1. FC Nürnberg, der dafür bekannt ist, dass sich seine Abwehrspieler gern in großer Stückzahl vor dem eigenen Tor versammeln. Das sind nicht unbedingt gute Argumente für zwei Strafraumspieler. Im Hinspiel hatte Hertha sich denkbar schwer getan mit den defensiven Franken. Beide Tore zum Berliner 2:1-Sieg schoss Marcelinho, das erste kurz nach Luizaos Einwechslung. Er war, wie gewohnt, für Preetz ins Spiel gekommen. Mannschaftsinterne Geschenke wurden damals noch nicht verteilt.

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