Sport : Das Büffet ist Schuld

Ronny Weller verletzt sich beim Gewichtheben

Benedikt Voigt[Athen]

Vielleicht fing alles bereits am Büffet in der Mensa des Olympischen Dorfes an. Dort liegen Brot und Eier verhältnismäßig weit auseinander. Zu weit jedenfalls für den 151 Kilogramm schweren Ronny Weller, der sich nicht zu viel bewegen darf, um seine Gelenke für das Gewichtheben zu schonen. „Ich habe schon beim Frühstück einen Muskelkater“, hat der Schwerathlet gesagt. Nach dem gestrigen Wettkampf reifte in ihm eine weitere Erkenntnis. Der 35-Jährige sagte: „Vielleicht bin ich schon zu alt für die Scheiße.“

Es sieht so aus, als habe Ronny Weller gestern in der Olympischen Gewichtheberhalle Nikaia seine Karriere beendet. „Ich bedanke mich für die vielen schönen Jahre“, sagte der Bundestrainer Frank Mantek, „das geht mir alles sehr nahe.“ Ronny Weller war im Superschwergewicht angetreten, um einen Rekord bei Olympischen Spielen aufzustellen und als erster Gewichtheber fünf Medaillen zu gewinnen. Seit 1988 in Seoul hat er stets auf dem Siegerpodest gestanden. In Athen aber verschwand er durch den Hinterausgang.

Ronny Weller scheiterte bei seinem zweiten Versuch im Reißen an 200 Kilogramm. Viel schlimmer noch: Er warf die Last nach hinten ab und verletzte sich dabei an der rechten Schulter. Vermutlich ist es ein Sehnenanriss. „Es hat geknackt“, sagte Ronny Weller. Noch vor dem Stoßen gab er auf. „So kann man keine Gewichte heben“, sagte der Bundestrainer. Es gewann der iranische Titelverteidiger Hossein Rezazadeh, der mit insgesamt 472,5 Kilogramm seinen eigenen Weltrekord einstellte. Den zweiten Rang belegte der Lette Viktors Scerbatihs (455 Kilogramm), auf Rang drei folgte der Bulgare Welitschko Tscholakow (445 Kilogramm). Einen dieser Plätze hatte eigentlich Weller belegen wollen. „In seinem Alter muss man mit so einer Verletzung rechnen“, sagte der Bundestrainer. Ronny Weller konnte sein Schicksal zunächst nicht fassen. „Ich bin noch ganz weit weg“, sagte der gelernte Stahlbauschlosser, „ich muss das jetzt erst verdauen.“ Beendet er nun seine Karriere? „Weiß ich noch nicht.“

Sollte er sich in den nächsten Tagen zu diesem Schritt entschließen, verlässt er eine Sportart, die tief in der Krise steckt. In Athen schrieb das Gewichtheben unrühmliche Schlagzeilen. Neun Athleten sind vor oder während der Spiele durch Doping aufgefallen, darunter auch der griechische Volksheld Leonidas Sabanis. Der Grieche musste seine Bronzemedaille wieder abgeben, die er in der Klasse bis 67 Kilogramm gewonnen hatte. Die olympische Zukunft einer seiner Sportart ist in der Diskussion. Allerdings sagte der Medizinische Direktor des Internationalen Olympischen Komitee, Patrick Schamasch: „Das ist doch ein Zeichen, dass der Verband die Anti-Doping-Richtlinien des IOC anwendet.“

Ronny Weller hatte sich immer als Kämpfer gegen das Doping verstanden. Vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Sydney, als er die Silbermedaille gewonnen hatte, zückte er in der Pressekonferenz ein Papier, in dem seine Dopingtests verzeichnet waren. Als der alte und neue Goldmedaillengewinner Hossein Rezazadeh damals gefragt wurde, ob er auch so einen Pass habe, stand der Iraner auf und ging. In Athen begleiteten zahlreiche Pfiffe jeden seiner Versuche.

Noch ist die Frage nicht endgültig geklärt, ob gestern eine große Gewichtheberkarriere traurig zu Ende gegangen ist. „Ich kann seine Karriere nicht beenden“, sagte Frank Mantek, „das muss er schon selber machen.“ Ronny Weller aber sagte gar nichts mehr. „Er ist kein Mann der vielen Worte“, erklärte der Bundestrainer. Drei Worte dürften in den nächsten Tagen aller Wahrscheinlichkeit nach dennoch von ihm zu hören sein: Es ist vorbei.

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