Sport : Das Charakterspiel

Nach dem erfolgreichen Derby hat Hertha BSC heute die nächste Prüfung zu bestehen: Gegen Union war jeder von selbst motiviert, aber wie sieht es gegen den Aufsteiger VfR Aalen aus?

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Motivation leicht gemacht. Gegen Union muss man Herthas Spieler (hier Maik Franz, vorne) nicht heiß machen. Aber wie sieht es heute gegen den Aufsteiger Aalen aus? Foto: Jürgen Engler
Motivation leicht gemacht. Gegen Union muss man Herthas Spieler (hier Maik Franz, vorne) nicht heiß machen. Aber wie sieht es...Foto: Fotoagentur Engler

Berlin - Am Freitag haben sie bei Hertha BSC mit dem freien Ticketverkauf für das Derby-Rückspiel gegen den 1. FC Union im Olympiastadion begonnen. Das Ding ist ein Selbstläufer, die Kurve der Hertha-Fans ist bereits ausverkauft. Da das Spiel erst im Februar über die Bühne gehen wird, darf vermutet werden, dass für den frühen Verkaufsstart gute Gründe vorliegen. Vermutlich kann der wirtschaftlich angeschlagene Bundesligaabsteiger ein bisschen frisches Geld ganz gut gebrauchen. Zudem kann damit auch das frische Hochgefühl durch den Hinspielsieg in Köpenick vor zwei Wochen ein wenig verlängert werden. Schlechte Laune gab es schließlich lange genug.

Fragt sich nur: Wie lange hält das neue Gefühl an? Diese Frage stellt sich jedenfalls Jos Luhukay. Ob der Derbysieg ein Befreiungsschlag gewesen ist, werde sich erst in ein paar Wochen zeigen, sagt Herthas Trainer. „Ich hoffe es.“ Nach Meinung des Niederländers ist das Derby ein Spiel für sich gewesen, ein Spiel „für die Selbstwertschätzung in der Stadt“, wie er es nennt, und für die Fans von Hertha. Doch trauen mag er dem Frieden noch nicht. Jedenfalls nicht, bevor seine Mannschaft heute im Heimspiel im Olympiastadion gegen den VfR Aalen (13 Uhr) eine entsprechende Leistung geboten hat. Allerdings muss Luhukay auf Peer Kluge und Änis Ben-Hatira verzichten, die wegen Trainingsrückstands noch nicht im Kader stehen.

Nicht das Derby, sondern das Duell mit Aalen ist der wahre Charaktertest für die runderneuerte Mannschaft von Hertha BSC. Das Spiel eins nach dem Sieg beim Stadtrivalen Union taugt wohl eher zum Wahrsager.

Es klingt vielen noch in den Ohren, was Jos Luhukay neulich seinen Spielern ins Gesicht sagte. „Zu viele meinen, dass sie groß sind und einen Namen haben. Diesen Status können sie in die Mülltonne werfen.“ Das war nach einer ziemlich enttäuschenden Niederlage beim FSV Frankfurt. Luhukay hatte damit sehr früh in der Saison ein heikles Thema angefasst, er hat eine Arroganz-Debatte angestoßen, vermutlich ganz bewusst. Nun, nach zwei darauffolgenden Siegen über Regensburg und eben Union scheint die Mannschaft in der Realität, der Zweiten Liga, angekommen zu sein. Für sein Team gelte es, sich „Respekt und Anerkennung“ immer wieder aufs Neue zu erspielen, mahnt Luhukay. Dafür sei jedes Heimspiel wichtig. Gerade gegen kleinere Gegner wie heute.

Der Gegensatz könnte größer kaum sein. Der VfR Aalen ist erstmals in der Zweiten Liga zu Gast. Beheimatet ist der Klub im Ostalbkreis Ostwürttembergs. Wer es genauer mag: Aalen liegt am oberen Kocher, einem östlichen Nebenfluss des Neckars. Einer von fünf Ehrenbürgern Aalens ist der frühere Generalfeldmarschall Erwin Rommel.

Zurück nach Berlin und dem Verein mit seinem im Vergleich zu Aalen vier Mal so hohen Mannschaftsmarktwert, allerdings auch mit horrenden Schulden in der Bilanz. Für Zweitligaverhältnisse ist Hertha immer noch eine Marke, auch wenn die Blau-Weißen in der Außenwahrnehmung inzwischen nur noch ein Klub aus der Hauptstadt sind. Vereine in anderen Sportarten vertreten die größte deutsche Stadt momentan erfolgreicher. Aber das kann ja wieder werden.

Denn trotz allem bietet Hertha weitgehend Erstligabedingungen. Mit dem Etat der Berliner könnte sich Aalen womöglich eine kleine Ewigkeit das Abenteuer Zweite Liga leisten, für Hertha dagegen käme ein Folgejahr im Unterhaus wohl einem wirtschaftlichen Kollaps gleich.

„Ich denke, wir wissen, was auf uns zukommt“, sagt Luhukay. Der Gast werde mit großer Einsatzbereitschaft und Leidenschaft die große Hertha ärgern wollen. „Wir müssen alles aufbringen, um zu gewinnen. Das hat das Spiel gegen Regensburg gezeigt“, sagt Herthas Trainer. Der VfR ist in kurzer Abfolge der zweite Aufsteiger, der im Olympiastadion vorspielt. Schon gegen Jahn Regensburg hatten die Berliner erhebliche Mühe, einen dünnen, ersten Saisonsieg unter Dach und Fach zu bringen. Rein fußballerisch war kein Unterschied auszumachen, beide Mannschaften boten nicht viel.

Gegen Aalen könnte das zu wenig sein. Denn der VfR ist nicht schlechter als Hertha in die Spielzeit gestartet. Die Ostwürttemberger haben ihre beiden Auswärtsspiele gewonnen, 4:1 in Duisburg und 1:0 in Bochum. „Sie werden sehr defensiv spielen und auf Konter lauern“, sagt Luhukay, aber das dürfe seine Mannschaft nicht überraschen. Fragt sich, ob sie sich überwinden kann. „Die Motivation muss immer da sein, auch wenn keine Derby-Atmosphäre herrscht. Denn wir wissen auch, dass Spiele in der Zweiten Liga keine Selbstläufer sind.“ Mit Ausnahme des Berliner Derbys im Vorverkauf.

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