Sport : Das Comeback der alten Männer

Chelsea triumphiert über Neapel mit allerletzter Kraft und dem bewährten Schema D: alle Bälle auf Drogba.

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Fang mich auf! Aushilfstrainer Roberto di Matteo herzt Didier Drogba. Foto: dpa
Fang mich auf! Aushilfstrainer Roberto di Matteo herzt Didier Drogba. Foto: dpaFoto: Reuters

Als die Gesänge verstummt waren, der Rausch „des schönsten Sieges überhaupt“ (Kapitän John Terry) sich aus dem Stadion verflüchtigt hatte und Putzkolonnen die zurückgelassenen Fahnenstangen unsentimental auf Treppen stapelten, kamen die Helden ein letztes Mal aus der Kabine. Dem Gang vor die Mikrofone am Spielfeldrand haftete jedoch wenig Triumphales an, viel zu stark hatte der 4:1-Sieg über Neapel nach Verlängerung Nerven und Körper beansprucht. „Die halbe Mannschaft konnte beim Schlusspfiff nicht mehr laufen“, gab Frank Lampard zu, während sich im Hintergrund Michael Essien wie zum Beweis unendlich langsam gen Ausgang schleppte und Terry ein lädiertes Knie tätschelte.

Nach der 1:3-Hinspielniederlage, die das Ende von Trainer André Villas-Boas eingeleitet hatte, waren die Nachrufe auf die alte, blaue Garde um Terry, Lampard und Stürmer Didier Drogba bereits vorgeschrieben. Doch die Londoner erweckten am Mittwochabend in der Stunde der Not noch einmal ureigenste Qualitäten und rangen die Gäste mit dem aus den Mourinho-Jahren gefürchteten Kraftfußball nieder. Das Kreativloch in der Zentrale, wo Essien neben dem zumindest torgefährlichen Lampard extrem abfiel, fiel dabei nicht weiter auf, weil Chelsea das Mittelfeld konsequent umging. Hinten wackelten die Londoner zwar gehörig, aber nach vorne entwickelten sie noch einmal die Wucht vergangener Tage. Auf schnellstem Wege kam der Ball vor das Tor der Italiener, meist hoch und weit, ab und an auch über die Flügel. Obwohl der an der Linie unentwegt tobende neapolitanische Trainer Walter Mazzari jeden gegnerischen Angriff im Voraus durchschauen konnte, waren seine Schützlinge in der Praxis ob des brutalen Tempos und der Entschlossenheit der Londoner zu oft machtlos.

Drogbas Kopfball zum 1:0 entstammte einer Halbfeldflanke, Terrys 2:0 einer Ecke, Lampards Elfmeter zum 3:1 ebenfalls einer Ecke, bevor Rechtsverteidiger Ivanovic das Comeback in der 105. Minute perfekt machte. Draußen lieferten sich berittene Polizisten kleinere Scharmützel mit Napoli-Fans, Aggression lag in der Luft. Nur der Dauerregen und esstischgroße Schlammpfützen auf dem Platz fehlten noch, um einen urenglischen Fußballabend zu komplettieren. Eine schöne Pointe: Chelsea darf ausgerechnet nach einer Vorführung, wie man sie aus Schwarz-Weiß-Wochenschauen kennt, als letzter englischer Klub in der Champions League die Ehre hochhalten.

Unglaublich. Fantastisch. Verrückt? David Luiz hatte nicht die geringste Ahnung, wie er den wundersamen Aufstand der Alten erklären sollte, doch dann ging ihm plötzlich ein Licht auf. „Gott wollte diesen Sieg“, sagte der brasilianische Verteidiger. Tendenziell hatte er Recht: Der entscheidende Impuls für das unerwartete Comeback der Veteranen war von oben gekommen – wenn auch nicht von ganz so weit oben, wie von Luiz vermutet. Chelseas Eigentümer Roman Abramowitsch hatte von seiner Stamford-Bridge-Loge in luftiger Höhe aus vor zehn Tagen erkannt, dass die Mannschaft es nicht einen Tag länger mit dem gefühlskalten Reformer André Villas-Boas aushalten konnte. Interimstrainer Roberto Di Matteo kassierte alle taktischen Veränderungen, vertraute wie seine ebenfalls nur als Übergangslösungen eingesetzten Vorgänger Avram Grant und Guus Hiddink den großen, erfahrenen Namen und ließ seine Elf nach dem bewährten Schema D agieren – alle Bälle auf Drogba. „Wir haben heute gesehen, wie viel es den Spielern bedeutet”, sagte Di Matteo, der nach dem Schlusspfiff Drogba in die Arme gesprungen war.

Napoli, das sich nach dem Treffer von Gökhan Inler für gut zwanzig Minuten im Viertelfinale wähnen durfte, hatte die feineren Füße und besseren Ideen, schaffte es aber in dem von der Strafraumszenenflut berauschten Stadion an der Stamford Bridge nicht, all das erfolgreich umzusetzen. „Wir haben bewiesen, dass wir eine Mannschaft sind, und Willen und Zusammenhalt gezeigt“, sagte Chelseas Kapitän Terry. Zukunfts- oder gar alltagsfähig sind derartige Energieleistungen nicht, aber das muss für die Gegenwart nichts heißen. Die Champions League war schon öfter ein Land für alte Männer.

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