Sport : Das Dabeisein ist schon der Sieg

Heinz Florian Oertel

Die Überwindung fällt schwer, und doch laufen seit 29 Jahren bis zu 10.000 Menschen mitHeinz Florian Oertel

Das wurmte mich. Schon lange. Immer wieder las ich, hörte ich vom gewaltigen brasilianischen Silvester-Laufspektakel in Sao Paulo. Dort bahnten sich Weltklasse-Langstreckler mühsam eine Gasse durch lärmenden Zuschauertrubel. Die geizten nicht mit Böllern und Krachern. Augenzeugen berichteten jedes Jahr vom einmaligen Gaudi der riesigen Millionenstadt am Tiete-Fluss. Und was ist, fragte ich mich, was ist eigentlich an Spree und Panke los?

So wuchs, erst im Kopf, dann mit Berliner Beinen, die deutsche Antwort aufs brasilianische Läufer-Schauspiel. Ich dachte mir, dort rennen, vorrangig, extra eingeladene Spitzenkönner für Gagen. Hier, in Spreeathen, soll es echt olympisch laufen. Jedermann kann kommen, und es geht nicht um Preise und Medaillen. Nur das Dabeisein ist der Sieg. Und zwar am Neujahrstag. Weil es da am schwersten fällt, sich zu überwinden, ist der Start wichtig. Symbolisch und lebensnah.

Wir organisierten das mit unserer Sendemannschaft des (alten) Berliner Rundfunks, die jeden Sonnabendvormittag "He-He-He - der Sport an der Spree" gestaltete. Ein Live-Programm mit und für den Alltagssport - dem wichtigsten und wertvollsten Sport. Als wir zur Premiere am 1.1.1972 dazu einluden, hatten wir einen günstigen Anlass und eine Menge "Manschetten". Wird das angenommen werden: Neujahr um 11 Uhr in den Friedrichshain zu kommen, eine Vier-Kilometer-Runde zu drehen, mit Kind und Kegel, Hund und Silvesterhütchen, mit guter Laune, bester Absicht und - nach dem Trubel der Nacht?

Es wurde! Über 3000 vollzogen jedermannsportlich den Start ins Olympiajahr mit seinen Elitetreffpunkten Sapporo und München. Den ersten deutschen (und auch internationalen?) Neujahrslauf. Im Laufe der Jahre addierten sich die Teilnehmerzahlen zu Zigtausenden. Der "Rekord" stand bei 10 000. Aber Stopp! Haargenau dies ist das Kreuz des Ursports, das Heischen nach Zahlen, der Medaillenfetischismus und stetig krankhaft gewachsenen, gewucherten Geldsucht. Solches Läufertreffen inspirierte andere Haltungen. Nämlich: Lasst uns auf dem Teppich bleiben, und zurück zur Natur, zum Normalen, weg vom bloßen Götzendienst des gegen andere Siegenwollens. Bei diesem Sport, bei solchem Kommen und dann bei der Stange bleiben gilt nur ein Ziel, zählt nur der eigene Erkenntnissieg, mein Leben, meinen Lebens-Lauf mit persönlichem Freizeitsport möglichst optimal zu bestimmen und zu bereichern. Frei nach den Herder-Worten: Wer nicht läuft, kommt nie ans Ziel. Und, das gehört dazu: einen Sieg des Denkens zu erringen. Vernunft und Vergnügen, offensichtlich Lebens-Antipoden, endlich unter einen Hut zu kriegen. Jeder für mich.

Als dann, endlich, die Mauern fielen, Berlin auch wieder eine Jedermann-Sportlerfamilie werden wollte, war es einem "Jahn von Heute", dem SCC-Laufvater Horst Milde, zu verdanken, dass der Neujahrslauf, der aus dem Osten kam, ganzberlinerisch überlebte. Für den Marathon-Inspirator und Organisator, der unsere Stadt damit bis Sao Paulo und weiter in der Welt bekannt machte, war klar: Neben dem Silvesterlauf am Teufelsberg besitzt Berlin nun auch sein fast dreißigjähriges Neujahrsläuferfest und präsentiert so ein ideales Pärchen.

Seit 1990 an die zehntausend Neujahrsläufer aus vieler Herren Länder durchs Brandenburger Tor in Richtung Alex und zurück rannten, ein unvergessliches Ereignis, bewies der neue Neujahrslauf seine Gesamtberliner Lebenskraft. Horst Milde und alle Helfer vom SC Charlottenburg demonstrierten, wie törichtes Scheuklappenverhalten bezwungen wird: mit olympischer Toleranz, Vernunft und vereintem Ur-Idealismus, dem eigentlichen Sport zu dienen. Nun, 2000 schon, symbolisch und tatkräftig, hinein in ein nächstes Olympiajahr ...



Berliner Silvesterläufe und Neujahrsrennen haben Tradition. Zum 24. Mal startet der SCC heute am Mommsenstadion den Silvesterlauf (12.30 Uhr), morgen veranstaltet der Klub den 29. Neujahrslauf am Brandenburger Tor (12 Uhr). Beide Läufe präsentiert der Tagesspiegel. Die Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel, die einst 1972 den ersten Neujahrslauf im Ostteil der Stadt initiierte, erinnert sich an die Anfänge und an den Höhepunkt 1990.

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