Sport : Das deutsche Spiel

Mit dieser WM ist der Handball in sein Ursprungsland zurückgekehrt – ein Blick in die Sportgeschichte

Erik Eggers[Köln]

Handball war ursprünglich reine Frauensache. Als der Berliner Turnfunktionär Max Heiser im Jahr 1917 in einem offiziellen Regelwerk das Spiel „Torball“ in „Handball“ umtaufte, beschrieb er damit eine neue Sportart für Mädchen, bei der sie sich ähnlich austoben können sollten wie die Jungs beim Fußball. Allerdings sollte es dabei weniger hart zugehen als beim Bolzen der Jungs.

Dieses Jahr, knapp 90 Jahre nach seiner Erfindung, kehrte der Handball mit der WM in Deutschland in sein Ursprungsland zurück. Inzwischen hat das „deutsche Spiel“ eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Heute ist Handball eine der härtesten Ballsportarten. Den Erfolg verdankt er aber nicht zuletzt dem Fußball – und das, obwohl Handball ursprünglich als Gegenkonzept dazu erfunden wurde.

Heute scheuen deutsche Handballfunktionäre jeden Vergleich mit dem „großen Bruder“, da sich Fußball als unbestrittene Nummer eins herauskristallisiert hat. Vor hundert Jahren war das ganz anders. Im Kaiserreich rangen zwei völlig verschiedene Ideologien um die Vorherrschaft in Sachen Leibesübungen. Etabliert in den Schulen und im Militär war das Turnen, und die Deutsche Turnerschaft (DT) stellte mit über einer Million Mitgliedern die größte Sportorganisation weltweit. Turnen beruhte auf den Gedanken von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der die Sportart in den Befreiungskriegen gegen Frankreich um 1810 als Form der Wehrertüchtigung entwickelt hatte – ebenfalls in Berlin.

Um 1900 wurde in Deutschland das Konzept des „englischen Sports“ mit Sportarten wie Golf, Tennis, Leichtathletik und vor allem Fußball immer populärer. Anders als Turnen war der englische Sport auch Selbstzweck, verzeichnete „Rekorde“, und die Zuschauer vergnügten sich beim Wetten. Vor allem der attraktive Fußball raubte der DT junge Mitglieder. Daraufhin entwickelten die Funktionäre viele neue „Turnspiele“, um der englischen Konkurrenz die Jugendlichen wieder abzujagen. Am Ende dieser Entwicklung , die vor allem in Berlin vorangetrieben wurde, blieb nur eines der neuen Spiele übrig: Handball.

Und obwohl es Turner waren, die den Handball erfanden, war es ausgerechnet das feindliche Sportlager, das den Handball nach 1920 entscheidend weiter entwickelte und populär machte. Ausgangspunkt war die erste Sportuniversität der Welt, die Deutsche Hochschule für Leibesübungen (DHfL) in Berlin, deren Leiter Carl Diem den Leichtathleten Carl Schelenz aufforderte, das Turnspiel schneller, athletischer und härter zu machen – also zu einem „echten“ Männersport. An der DHfL fand in der Zeit danach „die erste Forschungsarbeit für die technische und taktische Gestaltung des Spiels“ statt, weiß Handballhistoriker Walfried Riekhoff. Ziel war es dabei, möglichst schnell „ein Fußballspiel mit der Hand auf großem Felde zu schaffen“, meint Riekhoff. Schelenz, der sich später als „Vater des Handballs“ feiern ließ, kupferte also ohne Scheu vom Fußball ab: Er ließ einfach elf Handballspieler auf einem Fußballfeld antreten, benutzte sogar wenig später auch Fußballtore, modifizierte ein wenig die Abseitsregel, kopierte mit der 2-3-5-Formation auch das damals taktische Grundsystem des Fußballs – und übernahm ansonsten die Vorarbeiten des Handballerfinders Max Heiser: Das Feldhandballspiel, wie wir es heute kennen, war erfunden.

Als „Wandersportlehrer“ bezeichnete Trainer machten den Handball zunächst in der Provinz und bei den deutschen Minderheiten im Ausland bekannt. Kein Wunder also, dass die meisten Spieler bei den Rumänen, die in den 60er und 1970er Jahren den Welthandball dominierten, aus Siebenbürgen kamen, wie zum Beispiel der später emigrierte Hansi Schmidt. Als mit der Deutschlandhalle und der Westfalenhalle erstmals größere Veranstaltungsorte gebaut wurden, entwickelte sich diese neue Form des Feldhandballs auch in deutschen Städten weiter. Maßgeblich beeinflusst wurde sie auch von den Skandinaviern: Nicht zufällig fand das erste Hallenländerspiel der Geschichte am 8. März 1935 zwischen Dänemark und Schweden (12:18) in Kopenhagen statt.

Die Idee zur ersten Hallenhandball-Weltmeisterschaft kam allerdings von einem Deutschen. Inspiriert von dem olympischen Feldhandball-Turnier von Berlin im Jahr 1936 hatte Willy Burmeister die Idee, eine WM auszutragen. Nur 21 Jahre nach der Gründung des Sports fanden im Februar 1938 die ersten Hallenhandball-Weltmeisterschaften in der Berliner Deutschlandhalle statt. Das Wort „Weltmeisterschaft“ war eigentlich zu groß. Denn gerade einmal vier Teams – Schweden, Dänemark, Österreich und Deutschland – ermittelten vor jeweils 9000 Zuschauern an zwei Tagen den ersten Champion: Deutschland. Die abschließende Partie gegen Schweden (7:2) deutete damals schon an, wie attraktiv der Sport geworden war. Von Hallenhandball „in höchster Vollendung“ schrieb das Fachblatt Handball, der begeistert – „mit allem Zierat an technischen Feinheiten, mit Elan und Tempo, mit blitzschnellen Wechseln der Spielhandlung, mit akrobatischen Leistungen der Torwächter und den Torschüssen voll Kraft und Raffinesse“.

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