Sport : Das Duell um Jan Ullrich

Rückkehr des Radprofis zu Telekom wird wahrscheinlicher

Hartmut Scherzer

Frankfurt. Das Radteam Bianchi gerät im Kampf um Jan Ullrich immer stärker in die Defensive. Das Angebot der Telekom-Tochter T-Mobile, die ab nächster Saison bis 2006 eigenverantwortlich das Sponsoring des Radteams von der Konzernmutter übernimmt, hat die Chancen für den Fortbestand der im Mai nach dem Coast-Chaos aus dem Boden gestampften Bianchi-Mannschaft mit dem deutschen Star als Kapitän schlagartig verringert. Der Wettbewerb ist so ungleich, als würde Bayern München (Hauptsponsor T-Mobile) gegen Atalanta Bergamo um Roy Makaay bieten.

Olaf Ludwig, Koordinator zwischen dem künftigen Sponsor und der Firma „Sportgroep Godefroot“, bestätigte, dass T-Mobile nach Rücksprache mit Walter Godefroot vor kurzem Jan Ullrich ein Angebot vorgelegt habe. Zwar liegt dem Wahlschweizer nach seinem Comeback bei der Tour de France auch von der Betreiberfirma „Cycle bv“ seines Freundes Rudy Pevenage und dessen Partner Jaques Hanegraaf ein Vorschlag zur Vertragsverlängerung vor. Doch gegen die Bonner hat Bianchi finanziell kaum eine Chance mitzuhalten, zumal „Cycle bv“ noch immer keinen Sponsor-Partner zur Finanzierung einer stärkeren Mannschaft, wie von Ullrich gefordert, präsentieren kann.

Diese Meldungen von der möglichen Rückkehr Ullrichs zum Team Telekom „sind für uns nicht gut“, stöhnt Hanegraaf, würden sie doch die Verhandlungen mit potenziellen Sponsoren sehr stören. „Es ist wie mit dem Huhn und dem Ei“, klagt Hanegraaf. „So lange wir nicht Jans Vertragsunterschrift haben, legen sich die Sponsoren nicht fest, können wir auch zur Verstärkung keine Fahrer wie etwa Bartoli oder Sevilla verpflichten.“

Bis zum 31. August wollte Ullrich Klarheit über die Zukunft des Bianchi-Teams haben. Diese Frist steht in seinem Vertrag. Doch ohne zweiten Sponsor fehlt das entsprechende Budget, um „ein schlagkräftiges Team für die nächsten Jahre aufzubauen“, das Ullrich fordert. „Ich habe noch viel vor in den nächsten drei, vier Jahren.“ Diese Planungssicherheit würde ihm - selbstredend neben einem beträchtlich höheren Salär - T-Mobile bieten. Der Tour-Sieger von 1997 mit seinen Ambitionen für die nächsten drei Jahre und die Telekom-Tochter mit ihrem Engagement bis 2006 scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Von Ullrich-Manager Wolfgang Strohband sei ein Signal gekommen, nachdem Bianchi bis Anfang September nichts Definitives hatte mitteilen können, sagte Ludwig. Der zuständige Direktor des T-Mobile-Vorstandes hat sich daraufhin mit Strohband getroffen und ihm ein Angebot unterbreitet.

Streitpunkt ist Rudy Pevenage, der auf Drängen Ullrichs über Nacht das Team Telekom verließ, um ihm als Sportlicher Leiter zu Coast zu folgen. Nach der Pleite der Essener Radsportgruppe retteten der Belgier und Bianchi das Team. Ullrich steht also in Pevenages Schuld und stellt denn auch zur Bedingung, dass sein Freund mit zum Team T-Mobile wechseln müsste. Doch dagegen steht der heftige Widerstand von Walter Godefroot. Der Besitzer des Radteams wiederholte bei der Vuelta auf Anfrage seine einmal gemachte Aussage, „nie wieder mit Pevenage zusammenzuarbeiten“. Der 60 Jahre alte Flame bleibt unversöhnlich. „Mit einem Kollegen, der derart mein Vertrauen missbraucht hat und dem ich nie wieder trauen kann, ist eine Zusammenarbeit nicht möglich“. Was aber wird, wenn die Bonner Konzernzentrale den Genter Teamchef vor vollendete Tatsachen stellt: Jan Ullrich nur mit Rudy Pevenage? „Wie dann die Lösung aussehen wird, weiß ich nicht“, sagte Godefroot.

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