Sport : Das eigene Vorbild

Die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss läuft ihren früheren Erfolgen hinterher

Frank Bachner

Berlin - Astrid Kumbernuss macht zwei Schritte auf dem Betonboden. Es sollen schnelle, flüssige Bewegungen sein, sie sollen Dynamik darstellen, wenigstens das, wenn sie schon nicht richtig angleitet, weil sie ihren rechten Fuß nicht richtig belasten kann. Aber die Bewegungen sehen nicht flüssig aus, sie sehen unrund aus und seltsam. Sie wuchtet die Kugel in die Luft, aber es sieht aus, als würde sie aus dem Stand stoßen.

So arbeitet eine Olympiasiegerin, eine dreimalige Weltmeisterin, eine achtmalige Deutsche Meisterin. So arbeitet Astrid Kumbernuss, eine der erfolgreichsten Kugelstoßerinnen der Welt. „Eine Nottechnik“, sagt sie. Die Plantarsehne im rechten Fuß ist entzündet. Sie wird nicht heilen bis zu den Olympischen Spielen. „Wir werden in Athen mit dieser Technik stoßen müssen“, sagt Dieter Kollark, der Trainer. „Bis dahin müssen wir diese Technik halt optimieren.“

Drei Tage vor der Verletzung, im Mai, hatte sie noch 19,60 m gestoßen. Nur drei Frauen in der Welt haben in diesem Jahr diese 19,60 m übertroffen. Astrid Kumbernuss hatte Medaillenchancen in Athen. Theoretisch. Vor der Verletzung.

Aber die entzündete Sehne ist ja nur ein Problem der Astrid Kumbernuss. Das kleinere. Sie hat noch eines, ein größeres. Das Problem der Astrid Kumbernuss ist der Schatten, den sie wirft. Er ist zu groß, es ist der Schatten eines Denkmals. Diese Kumbernuss stieß die Kugel regelmäßig über 21 m. Aber jetzt verliert sie sich in ihrem Schatten. Sie läuft der eigenen Größe hinterher und lernt frustriert, dass sie diesen Kampf verliert. „Das ist bei Astrid wie bei Heike Drechsler“, sagt Kollark. Er kann verletzend offen über seine Athleten reden, auch über Kumbernuss, obwohl er der Vater ihres Sohns ist. „Astrid geht im Wettkampf nicht mehr an die Leistungsgrenzen wie früher. Das ist bei allen älteren Athleten so.“

Heike Drechsler, die 39-jährige zweimalige Weitsprung-Olympiasiegerin, war gefährlich nahe daran, sich selbst zu demontieren. Astrid Kumbernuss hat mehr Blick für die Realität. Aber sie kann sich auch nur schwer von diesem Bild lösen, sagt sie. Astrid Kumbernuss, die zehn Monate nach der Geburt ihres Sohnes Weltmeisterin wird und sich berauscht von dem riesigen Erfolg fragt: „Wenn du das geschafft hast, Mensch, wo soll das noch enden?“ Aber damals war sie 29, jetzt ist sie 34, und sie gibt zu: „Es macht mir schon zu schaffen, dass ich nicht mehr so weit stoße wie früher. Ich kann das nicht so gelassen sehen.“ Und Kollark sagt: „Natürlich hat sie damit Probleme.“

Es geht ja nicht um Probleme wegen der Verletzung. Es geht darum, dass die Gesetze, die Astrid Kumbernuss verinnerlicht hatte, nicht mehr greifen. Sie kann im Wettkampf ihre momentan möglich Bestleistung nicht mehr abrufen. Was sind denn schon 19,60 m? Nichts, jedenfalls nichts nach den Maßstäben der Astrid Kumbernuss. Mit der Nottechnik stieß sie 19,08 m, das bedeutete den Sieg bei den deutschen Meisterschaften. Aber 19,08 m sind eigentlich eine Niederlage. Im Training hat sie mit der verletzten Sehne 19,50 m gestoßen. „Sie müsste im Wettkampf generell 20 Zentimeter weiter stoßen als im Training, das war früher so“, sagt Kollark. „Stattdessen stößt sie einen halben Meter weniger.“ Natürlich kann sie im Wettkampf wegen der Entzündung keine Sprünge machen oder kurze Antritte. Das müsste sie aber, damit sie warm bleibt. „So kann kein Adrenalin in den Körper schießen“, sagt Kollark. Aber es ist auch eine Frage der Psyche, sagt er. „Wir haben doch alles probiert, um sie im Wettkampf trotz der Verletzung zur Bestleistung zu bringen.“ Kumbernuss hat sich aus dem Stand eingestoßen oder mit ihrem Vereinskollegen Ralf Bartels. „Es hat nichts genützt“, sagt Kollark.

Astrid Kumbernuss wird in Athen kaum eine Medaille gewinnen. Vielleicht muss sie sogar froh sein, wenn sie in den Endkampf kommt. Aber das Wort „Endkampf“ formuliert Astrid Kumbernuss so, als redete sie über eine ansteckende Krankheit. Endkampf? Das ist nicht die Augenhöhe der Astrid Kumbernuss, frühere Olympiasiegerin, frühere Weltmeisterin. Sie wird plötzlich leise, und dann sagt sie mit einem Hauch von Verzweiflung: „Ich habe schon Probleme damit zu sagen, ich möchte in den Endkampf kommen.“

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