Sport : Das Eigentor des Senkrechtstarters

Stefan Hermanns

Das Niedersachsenstadion in Hannover ist ein Bau aus architektonisch grauer Zeit. Das Spielfeld liegt weit weg von den Rängen, ein Teil der Plätze ist ohne Dach, und nur wenn die Tribünen richtig voll sind, kommt so etwas wie Stimmung auf. Gestern Abend, gegen Viertel nach neun, wurde es richtig laut. Die Leute pfiffen vor Wut, und ausgelöst hatte diese derbe Reaktion ein Spieler, der in den vergangenen Wochen vor allem die schönen Seiten eines schönen Berufs kennen gelernt hatte. Arne Friedrich, deutscher Nationalspieler von Hertha BSC, verlängerte kurz vor dem Pausenpfiff eine Flanke zum 1:1-Ausgleich ins eigene Netz.

Von der rechten Seite war eine Flanke in den deutschen Strafraum gesegelt, Friedrich versuchte zu retten, erwischte den Ball unglücklich und köpfte ihn unhaltbar an Torhüter Kahn vorbei ins Netz. Doch der folgende Unmut der Fans war dem Herthaner nur vordergründig anzulasten. Als rechter Verteidiger in der Viererkette hatte Friedrich seine nicht allzu schwierige Aufgabe gegen den grundsätzlich defensiven Gegner recht ordentlich bewältigt; aber was zählt das schon, wenn es nach 45 Minuten nur 1:1 steht gegen die Nummer 119 der Fifa-Weltrangliste? Dass die Stürmer ihre Chancen nicht nutzen, hat ein Abwehrspieler allerdings nur bedingt zu verantworten.

Und trotzdem ist die Erfahrung neu, die Friedrich gestern machen musste. Seine Karriere ist zumindest in dieser Saison nur in eine Richtung gegangen: immer nach vorne. Im Sommer war der Verteidiger von Arminia Bielefeld aus der Zweiten Liga zu Hertha BSC gewechselt, erkämpfte sich einen Stammplatz und wurde von Rudi Völler in die Nationalmannschaft berufen worden. Gestern durfte er nach zwei Einwechslungen erstmals von Anfang an spielen.

Doch Friedrich ist seinem rasanten Aufstieg zum Trotz nicht vom Rausch der Geschwindigkeit erfasst worden. Vielleicht liegt das an seiner ostwestfälischen Herkunft. In Friedrichs Heimat gelten die Menschen als genügsam, nüchtern, vielleicht sogar etwas träge. Auch deshalb wird der Verteidiger an seiner unglücklichen Aktion kurz vor der Halbzeit nicht zerbrechen. Gleich nach der Pause hatte Friedrich Pech, als ein Kopfball von ihm knapp über die Latte ging. Über die Latte des gegnerischen Tores.

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