Sport : Das eingebrockte Endspiel

Stuttgart muss es gegen die Bayern richten

Oliver Trust[Stuttgart]

Als Jurica Vranjes vom Trainingsplatz über die grauen Steinplatten zur Kabine hinauf schlenderte, tänzelte ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Ein paar Kamerateams und Rundfunkleute waren gekommen, um im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt einen Tag nach der 0:2-Niederlage gegen Absteiger Bochum auf Spurensuche zu gehen. Immerhin hat es der VfB Stuttgart geschafft, als einziger Klub auswärts gegen alle drei Absteiger zu verlieren und zum x-ten Mal die Chance zu vergeben, den begehrten zweiten Platz zu erobern oder wenigstens den dritten festzuzurren. Jetzt hat sich der Klub aus Schwaben eine Art Endspiel gegen den neuen Deutschen Meister Bayern München am letzten Spieltag eingebrockt.

„Und, alles in Ordnung?", fragten sie den Mann, der zur nächsten Saison beim SV Werder Bremen anheuert. Vranjes antwortete: „Bei mir schon.“ Mehr wollte der defensive Mittelfeldspieler nicht erklären, er beließ es bei der süffisanten Andeutung und deutete nur kurz hinter sich. Hinter Vranjes arbeiteten sich die Teamkollegen in einem langen Strom die leichte Steigung hinauf in Richtung Kabine. Eine Menschenkette, deren Mitglieder durch bierernste Gesichter auffielen.

Draußen vor den Toren war die Exekutive mit zwei Bussen und einer Hand voll Polizeibeamter in Stellung gegangen. Überall schlichen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes herum. Es blieb ruhig. Etwa 60 Anhänger waren zum Klubzentrum gekommen, um zu ergründen, was die Schieflage ihres Klubs ausgelöst haben könnte. In Bochum hatten ein paar „Sammer raus!“ gerufen, die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockiert und für eine bedrohliche Stimmung gesorgt. „Leblos“, hatte Torwart Timo Hildebrand in Bochum geschimpft und sich nach zwei Gegentoren und vielen Paraden frustriert an den Pfosten gelehnt.

Am Tag danach schauen die Gesichter ratlos aus. Wie Masken, die der Klub an seine Angestellten verteilte. Schulterzucken wird zum Volkssport. „Grausam emotionslos“, stammelte Manager Herbert Briem und berichtete von einer unruhigen Nacht ohne erholsame Schlafperioden. Keiner wollte sein Herz ausschütten und schon jetzt den großen Krach riskieren. Nicht jetzt, wo es noch diese kleine Chance gibt, doch noch Dritter zu bleiben. Die Stimmung aber ist gereizt. Und jeder spürt, wenn die Stuttgarter gegen die Münchner verlieren, die Konkurrenz an ihnen vorbeizieht und am Ende nur der Uefa-Cup-Platz übrig bleibt, könnte es noch ungemütlicher werden. Dann wird sich Trainer Sammer wieder jenen unangenehmen Fragen stellen müssen, die er für übertrieben hält, „weil wir jetzt schon sicher im Uefa-Cup sind“ und „der VfB erst einmal in der Champions League war“. Der 37 Jahre alte Sammer ist nicht unumstritten im Klub. Einige vermissen eine klare Linie, zu spät habe er egomanische Ausbrüche im Team unterbunden, die nun, nicht mehr nachhaltig kontrollierbar, dem Erfolg im Wege stünden. Sein Verhältnis zu den Managern Briem und Jochen Schneider gilt als oberflächlich, seine Umgangsformen mit Spielern als zu nachgiebig.

Zum fünften Mal haben die Stuttgarter einen „big point“ vergeben und dennoch Glück gehabt. Matthias Sammer kann an diesem Tag keiner vorwerfen, nicht alles zu geben. Er humpelt vor den kleinen Trainingstoren herum. Nachwirkungen der schweren Knieverletzung, die seine Karriere als Profi beendete. Trotzdem wirft er sich in die Schüsse, als wolle er mit leuchtendem Beispiel vorangehen. „Hier ist eine Stimmung, als sei man abgestiegen. Da fährst du zum Training, und draußen steht die Polizei. Mensch, wir sind im Uefa-Cup“, sagte Markus Babbel und wusste doch im gleichen Moment, dass das in Stuttgart nicht mehr langt, seit der Anhang vor zwei Jahren den Sieg über Manchester United bejubelte.

Schließlich hat sich auch die Vereinsführung bereits intensiv mit den Millionen beschäftigt, die die Champions League in die Kassen spülen würde. Die 8,5 Millionen Verbindlichkeiten des Klubs wären mit einem Schlag getilgt, und man könnte zudem das Team verstärken. Eine Woche lang bewegt sich der VfB nun zwischen zwei Welten. Dann geht Jurica Vranjes nach Bremen, und vielleicht reden dann andere in Stuttgart.

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