Sport : Das Ende aller Blockaden

Beim FC Hansa Rostock macht der erste Heimsieg Mut auf ein Wunder

Mathias Klappenbach

Es wurde noch länger gefeiert am Samstagabend im VIP-Raum des Rostocker Ostseestadions. Schließlich war es fast zehn Monate her, dass Hansa zuletzt ein Heimspiel gewonnen hatte und Anlass dazu gab, in guter Stimmung noch ein Bierchen zu trinken. Im dreizehnten Versuch in dieser Saison war es endlich gelungen, nach dem 3:1 gegen den VfL Bochum lösten sich nicht nur bei den Fans, sondern auch bei der Mannschaft die seit langer Zeit festsitzenden Verkrampfungen. „Wir haben immer an uns geglaubt, die Moral in der Mannschaft ist sehr gut. Es kann jetzt nur noch aufwärts gehen“, sagte Antonio Di Salvo, der Hansa mit seinen beiden Treffern 2:0 in Führung gebracht hatte.

Am Abend vor dem Spiel hatte Trainer Jörg Berger der Mannschaft ein Video vom letzten Spieltag der Saison 1998/1999 gezeigt. Damals machte Rostock in der Schlussviertelstunde aus einem 1:2-Rückstand im Bochumer Ruhrstadion noch einen 3:2-Sieg und blieb in der Bundesliga. Hansa hatte an den letzten zehn Spieltagen eine Aufholjagd gestartet und nur noch zwei Spiele verloren. Berger selbst kann sich noch gut an diesen dramatischen Spieltag erinnern. Als Trainer von Eintracht Frankfurt schaffte er mit einem 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern dank der besseren Tordifferenz den Klassenerhalt. Berger hatte mit Frankfurt die letzten vier Spiele gewonnen. „So etwas ist wieder möglich, die Blockaden sind nach dem Heimsieg jetzt weg“, sagt Berger. „Es hat bei einigen ,klick’ gemacht, das konnte man richtig hören.“

Seit zwölf Spielen ist Berger jetzt Trainer in Rostock. „Als ich hierher kam, dachte ich, dass es zwei, drei Führungsspieler gibt, die die anderen mitreißen können. Die gab es aber nicht“, sagt der Coach. „Ich habe dann alle gemeinsam angesprochen.“

Der einzige ostdeutsche Bundesligaklub setzt auf das Wir-Gefühl, um die sieben Punkte auf einen Nichtabstiegsplatz doch noch aufzuholen. Bis auf die Phase in der zweiten Halbzeit, in der sie selbst ein bisschen Angst vor dem so lang ersehnten Heimsieg bekamen, unterstützten die Fans ihre Mannschaft von der ersten Spielminute an vorbehaltlos. Im Stadionheft zum Spiel verbreitete Berger unter der Überschrift „Gemeinsam schaffen wir das“ Optimismus. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir schon heute nicht mehr auf einem Abstiegsplatz stehen würden, wenn wir gleich das erste Spiel unter meiner Leitung bei Hertha BSC gewonnen hätten“, schreibt Berger. In diesem Spiel führte Hansa bis zur letzten Minute, ehe Marcelinho noch der Ausgleich für die Berliner gelang. Auf den ersten Sieg mit Berger musste Rostock dann bis vor einer Woche in Hannover warten. „Das war schon ganz wichtig für die Psyche. So ein Spiel, wie wir es gegen Bochum gezeigt haben, ist dadurch erst möglich geworden“, sagte Jörg Berger nach dem Spiel. „Es geht um Selbstvertrauen, Glaube, Mut und Hoffnung. Diese Worte spielen hier eine wichtige Rolle.“

Darüber, dass die sieben Punkte Rückstand nur sehr schwer aufzuholen sein werden, will gerade niemand gerne in Rostock sprechen. Als nach dem Spiel die Nachricht vom späten Sieg des 1. FC Nürnberg beim SC Freiburg im Ostseestadion die Runde machte, war aber schon Betroffenheit zu spüren. „Wir sind abhängig von den Gegnern“, sagt Mittelfeldspieler Ronald Maul.

Aber die neue Hoffnung muss jetzt am Leben gehalten und genährt werden, und die neue Hoffnung in Rostock gründet sich vor allem auf die richtige Einstellung der Mannschaft. „Wir haben gegen Bochum endlich auch zu Hause das gemacht, was ich die ganze Zeit vorher bemängelt habe“, sagt Berger. „Wir haben so gekämpft, wie man es im Abstiegskampf muss. Und wir haben eine erfolgreiche Verbindung aus diesem Kampf und spielerischen Elementen gefunden.“ Gekämpft haben gegen Bochum tatsächlich alle, sogar der neue Regisseur Jari Litmanen, der mehr Spielkultur nach Rostock gebracht hat. So soll es auch am nächsten Wochenende beim FC Bayern weitergehen. „Erreicht haben wir noch gar nichts“, sagt Antonio Di Salvo.

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