Sport : Das Ende am Anfang

Für Paul Biedermann und Britta Steffen beginnen die Schwimmwettbewerbe mit einem Drama. Sie scheitern schon in den Vorläufen. Wenn sich Geschichte wiederholt, wäre das ein schlechtes Signal für das ganze deutsche Team.

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Die Queen saß auch auf der Tribüne, im blauen Kostüm und hoheitsvoll, wie es sich für eine Königin gehört. Elizabeth II. wird nicht so oft bei Schwimm-Wettbewerben in steifer Haltung zusehen, deshalb hatte sie vermutlich emotional nicht vollständig die Dramen erfasst, die ein paar Meter unter ihr im Pool abgelaufen waren. Und so wird sie auch kaum interessiert haben, dass in der Nähe des Beckens Paul Biedermann stand, mit leerem Blick und nassen Haaren.

Andererseits war Biedermann in diesem Moment auch die Queen ziemlich egal. Er wollte nur weg, raus aus dem Aquatics Centre, weg von dem Pool, an dem sein sportlicher Arbeitstag am Vormittag jäh nach seiner 3:48.50 Minuten langen Vorstellung geendet hatte.

Paul Biedermann, der Weltrekordler über 400 Meter Freistil, war raus. Gescheitert im Vorlauf, gescheitert als Dreizehnter mit einer Zeit, die mehr als acht Sekunden über seiner Bestzeit liegt. „Ich bin natürlich sehr enttäuscht. Jetzt muss ich mich eine Stunde sammeln“, sagte er. Biedermanns Pleite war das erste Drama der Deutschen.

Das zweite folgte eine Stunde später. Da konnte auch seine Freundin Britta Steffen für diesen Tag die Sachen zusammenpacken. Sie war mit der 4x100-Meter-Freistilstaffel gescheitert. Anfang der Woche hatte sie noch verkündet: „Wir wollen mit der Staffel eine Bronzemedaille.“ Wie bei der WM 2011.

Zwei spektakuläre Pleiten am ersten Tag des Schwimmens, das droht zu einem ganz großen Drama auszuarten. Der erste Wettkampftag gibt oft die Richtung für die restlichen Tage vor. Bei den Olympischen Spielen 2008 war der Auftakt misslungen, es folgte eine miserable Bilanz. Vor allem Staffelresultate gelten wie seismografische Werte, sie zeigen oft genug ein drohendes Beben an. „Wenn die Staffel am Anfang gut läuft, dann läuft auch der Rest des Wettbewerbs gut“, hat Bundestrainer Markus Buck kurz vor den Olympischen Spielen gesagt. „Das ist fast wie ein Naturgesetz.“

Wenn das Naturgesetz auch in London greift, dann darf sich die deutsche Schwimmmannschaft auf ein paar fröhliche Tage einstimmen. Die Staffeln sind ein Synonym für Teamgeist, eine Medaille reißt die ganze Mannschaft mit.

Aber am Samstag musste die deutsche Mannschaft aufpassen, dass die Staffel sie nicht in den sportlichen Abgrund reißt. Zu mies war das Ergebnis von Silke Lippok, Lisa Vitting und Daniela Schreiber. Zum Einzug ins Finale fehlte fast eine Sekunde, die Deutschen mussten als Neunte in die Kabine schleichen. „Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass wir es ins Finale schaffen“, sagte Steffen. „Ich bin überrascht von der Wendung. Wir hätten es eigentlich drauf gehabt.“

Ihr Freund Paul Biedermann hatte es auch drauf, das Rennen hätte nur schon nach 100 Metern beendet sein müssen. Bei der zweiten Wende lag der 25-Jährige aus Halle an der Saale eine Zehntelsekunde unter der Zwischenzeit, die er bei seinem Weltrekord 2009 geschwommen war. Damals noch im Ganzkörperanzug.

Aber je länger sich das Rennen zog, umso mehr baute Biedermann ab. „Ich wollte von vorne gehen. Das hat auch gut geklappt. Aber am Ende konnte ich dann nichts mehr zulegen“, sagte er. „Am Sonntag geht es mit 200 Meter Freistil weiter. Ich hoffe, es läuft dann besser.“ Seine Worte kamen im Stakkato, die Statements waren Pflichtübungen, er wollte sie so schnell wie möglich abhaken.

Sein Trainer Frank Embacher stellte sich verbal vor ihn. „Das muss ich klar auf meine Kappe nehmen. Mich ärgert besonders, dass ich ihm eine andere Maßnahme gegeben habe, als er gewohnt war.“

Vor ein paar Tagen hatte sich Biedermann in Hamburg noch völlig anders präsentiert. Dort hatte sich die Nationalmannschaft zuletzt auf London vorbereitet, dort saß Biedermann entspannt auf seinem Stuhl, sagte launig: „Ich hoffe, dass es bald los geht“ und bekam leuchtende Augen, als er von der deutschen 4x200-Meter-Freistilstaffel erzählte. Die hatte mit ihm bei den Europameisterschaften 2012 Gold geholt, für Biedermann „ein kleines Wunder“. Das „kleine Wunder“ erhofft er sich mit der Staffel auch für London. Aber erstmal erlebte er hier sein blaues Wunder.

Biedermann hofft jetzt also auf die 200 Meter Freistil. Bleibt ihm ja nichts anderes übrig. Nur ist hier die Konkurrenz noch brutaler als über 400 Meter. Biedermann hält auch auf dieser Strecke den Weltrekord. Ob das am späten Sonntagabend immer noch so sein wird, ist die große Frage. Eine andere Frage hat sich erledigt. Sie ist seit Samstagvormittag beantwortet. Die Frage, gestellt in Hamburg an ihn, hatte gelautet: „Legen Sie in London den Schwerpunkt mehr auf die 200 oder auf die 400 Meter Freistil?“ Da drückte sich Biedermann entspannt in die Stuhllehne und sagte: „Nein, sie sind gleichwertig.“

Die Situation hat sich nun doch ein bisschen geändert.

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