Sport : Das Ende der Ich-AG

Der Mannschaftsgeist gilt in Stuttgart als entscheidend dafür, dass der VfB kurz vor dem Titelgewinn steht

Oliver Trust[Stuttgart]

Fernando Meira wundert sich jedes Mal aufs Neue. „Wer wie viel kriegt? Warum diese Frage?“ Es geht dann immer um die Erfolgsprämie, die es beim VfB Stuttgart gibt, wenn die Mannschaft den Meistertitel oder den DFB-Pokal gewinnen sollte. Oder sogar beides. Nun ist es nicht so, dass der Kapitän des Spitzenreiters aus Schwaben nichts erzählen wollte, aber er scheint überrascht zu sein, diese Frage überhaupt gestellt zu bekommen. „Alle bekommen das gleiche, alle sind wichtig, alle geben Gas“, sagt der Portugiese. Seine Antwort mag mancher misstrauisch betrachten, weil sie im Profifußball selten ist. In Stuttgart aber ist sie ein Grund für den Erfolg, dort gilt der Teamgeist als Meistermacher. Von 100 000 Euro pro Mann für den Titelgewinn ist die Rede. 50 000 bis 75 000 Euro wären es zusätzlich für den Pokalsieg.

„Ich weiß, das hört sich komisch an, aber hier will jeder für jeden laufen und kämpfen. Jeder versucht, für jeden da zu sein“, sagte Ludovic Magnin.

Trainer Armin Veh kann auf ein Team vertrauen, in dem der Zusammenhalt stimmt. Cacau, der Brasilianer, der lange als eigensinnig und schwer zu integrieren galt, ist von der „Ich-AG“ zum Teamplayer geworden. Thomas Hitzlsperger kam als Nationalspieler und versuchte lange diesen Bonus einzusetzen. Bis er mit Veh aneinander geriet. Hitzlsperger kämpfte sich aus dem Tief und gehört heute zu den unverzichtbaren Stützen der Mannschaft, die wie in Bochum ein umkämpftes Spiel nach zweimaligem Rückstand drehte.

„Wir geben nie auf“, sagte Hitzlsperger. Gedreht wurden auch die Spiele in Hannover, als aus einem 0:1 ein 2:1-Sieg wurde, und in Bielefeld, wo die Stuttgarter mit nur neun Spielern noch 3:2 gewannen. Nach Bochum schließlich reiste der gesamte Kader, auf den Tribünenplätzen im Ruhrstadion, die den Stuttgartern zugedacht waren, herrschte Enge. Einstimmig fiel der Beschluss aus, Bochum mit dem Mannschaftsbus zu verlassen statt mit dem Zug, um dem Trubel am Bahnhof bei der Ankunft in Stuttgart zu entgehen. Roberto Hilbert freilich suchte die Kollegen vergeblich am Bahnhof, er brauchte bei der Dopingprobe zu lange, um rechtzeitig den Bus zu erreichen und von den neuen Plänen zu erfahren. Er erreichte das Team an einer Autobahnraststätte an der A 45. „Ich habe in Bochum so geweint“, sagte Cacau, „weil ich so begeistert bin von dieser Mannschaft, die so zusammen hält. Das habe ich so noch nie erlebt.“

Zum Zusammenhalt gehört, dass Torjäger Mario Gomez während seiner zehnwöchigen Verletzungspause die Kollegen vor jedem Spiel in der Kabine aufsuchte. Um Timo Hildebrand, der den Verein zum Saisonende verlässt, hatte es monatelang Ärger gegeben, weil er das neue VfB-Angebot nicht annahm. Seit Januar hält Hildebrand überragend und fällt als dauerhafter Stimmungsmacher auf. Ludovic Magnin wollte im Winter Abschied nehmen, weil er in der Vorrunde kaum gespielt hatte. Er blieb, Trainer Veh machte ihm klar, dass er ihn brauche. Magnin schaffte es zurück ins Team und spielte mit nie da gewesener Leidenschaft.

Manager Horst Heldt und Trainer Veh hielten jeden Druck vom Team fern. Es wurden keine Saisonziele ausgegeben, was im Windschatten von München, Schalke und Bremen gut möglich war. Die Spieler erfüllten ihrem Trainer fast jeden Wunsch, wenn es um dessen Aberglauben ging. So spielt Magnin seit vielen Wochen mit völlig ausgelatschten Kickstiefeln. Veh hatte gebeten, es bei den alten zu belassen, weil „ich ja nicht weiß wie er mit den neuen spielt“. Magnin tat ihm den Gefallen. „Ich hab die neuen wieder ins Regal gestellt“, berichtete er. Dafür hört Veh weg, wenn der Schwede Alexander Farnerud sich als DJ in der Kabine einen Namen macht. „Also ehrlich, ich höre so was nicht“, sagt Veh und grinst. Farnerud habe einen ganz eigenen Geschmack. Hip-Hop soll es sein, was der Schwede auflegt. Seit er diese Aufgabe übernommen hat, hat das Team nicht mehr verloren, und so lässt Veh ihn gewähren. Und als die Mannschaft sich bei der Heimreise aus Bochum den Zwischenstopp bei einer Fastfoodkette wünschte, nickte Armin Veh nur mit dem Kopf.

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