Sport : Das Ende der Illusionen

Borussia Mönchengladbach wollte in den Europapokal und spielt nun gegen den Abstieg

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Berlin Christian Hochstätter stellte sich nicht besonders geschickt an: Bei seiner Flucht aus dem Olympiastadion touchierte der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach eine Absperrkordel, und als Folge einer Kettenreaktion krachte das gesamte Gestänge der Absperrvorrichtung polternd zu Boden. So ähnlich war auch die Niederlage der Gladbacher gegen Hertha zu Stande gekommen. Eine Unachtsamkeit hatte vor der Pause zum Rückstand geführt, nach dem 0:2 dann krachte die Mannschaft polternd auseinander. „Offenbar haben meine Spieler gedacht: 2:0, 6:0 oder 7:0 – ist doch völlig egal“, sagte Trainer Dick Advocaat. „Man kann ein Spiel verlieren. Aber so wie heute, das ist eigentlich nicht möglich.“ Das 0:6 war die höchste Niederlage des VfL Borussia seit dem 1:7 in Wolfsburg im November 1998. Am Ende jener Saison stiegen die Gladbacher erstmals aus der Bundesliga ab.

Im vierten Jahr nach dem Wiederaufstieg wollte der Verein zum ersten Mal nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Doch das hat sich längst als Illusion erwiesen. Ein Fortschritt ist nicht festzustellen. Aus den bisherigen 16 Spielen holten die Borussen 16 Punkte. In der vergangenen Saison waren es zur Winterpause unter dem inzwischen entlassenen Trainer Holger Fach immerhin 19. Das ist das Maximum, das die Gladbacher noch erreichen können – wenn sie am Sonntag das Heimspiel gegen Bayer Leverkusen gewinnen. Der Abstand auf die Abstiegsplätze wird in diesem Winter jedoch auf jeden Fall kleiner sein als vor einem Jahr.

Unter Fachs Nachfolger Advocaat, der ein bisschen internationales Flair in die niederrheinische Provinz bringen sollte, holte die Mannschaft in fünf Spielen lediglich vier Punkte, bei einem Torverhältnis von 4:12. Die letzten drei Begegnungen gingen verloren. „Ich habe immer gesagt, dass ich nur zu einem Klub gehe, der Perspektiven hat“, hat Advocaat bei seinem Amtsantritt vor einem Monat gesagt. „In diesem neuen Stadion müssen wir so schnell wie möglich in Europa spielen.“ Von ein bis drei Jahren hat er damals geredet. Die Perspektive aber sieht für die Gladbacher schon wieder aus wie immer seit dem Aufstieg. Die Frage ist nun, wie lange Advocaat sich das gefallen lässt; ob er vielleicht vorzeitig resigniert, weil sich seine hohen Ansprüche als nicht realisierbar erweisen. „Die Bilanz ziehen wir am Ende der Saison“, sagte der Holländer, was darauf schließen lässt, dass er zumindest bis zum Mai durchhält.

Vielleicht wird es besser, wenn im Winter ein paar neue Spieler kommen. „Wir brauchen ein bisschen bessere Qualität“, sagte Advocaat. Den Umbau des Kaders propagiert er seit seinem ersten Arbeitstag in Mönchengladbach. „Das darf eine Mannschaft nicht verunsichern“, sagte Kapitän Christian Ziege. Die Aussicht auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes hat einige Gladbacher Spieler jedoch zumindest nicht beflügelt. „Es ist eine Sache des Kopfes“, sagte Oliver Neuville. „Qualität haben wir schon bewiesen.“ Gegen Hertha zum Beispiel knapp 40 Minuten lang.

Vor dem Spiel in Berlin hat Advocaat gesagt, dass er in der Winterpause vier neue Spieler holen wolle. Nach dem Debakel muss man fragen: Reichen vier? Denn wo soll man anfangen? Bei Darius Kampa, dem wahrscheinlich schlechtesten Torhüter aller 18 Bundesligavereine? Bei der grobschlächtigen Innenverteidigung mit Marcelo Pletsch und Jeff Strasser, deren Beitrag am eigenen Spiel darin besteht, den Ball weit nach vorne zu schlagen? Bei Christian Ziege, dem ab und zu ein kluger Pass gelingt, der durch seine hohe Fehlerquote aber längst zu einem Sicherheitsrisiko geworden ist? Beim vermutlich langsamsten Mittelfeld der Liga? Oder beim Tschechen Marek Heinz, dem die Bundesliga offenbar aufs Gemüt schlägt?

Hinzu kommt, dass der Markt im Winter erfahrungsgemäß weniger ergiebig ist als im Sommer. Allerdings kann das verknappte Angebot auch zu einer gewissen Disziplin führen, sich genau zu überlegen, welche Verpflichtung nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist. Im Sommer haben die Gladbacher einfach alles geholt, was zu kriegen war. Dass ihnen jetzt ein Interesse am Schalker Jörg Böhme nachgesagt wird, spricht allerdings dagegen, dass es diesmal anders sein wird.

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