Sport : Das Ende der Romantik

Borussia Mönchengladbach im Jahr des Umbruchs

Stefan Hermanns

Was ist neu?

Die Veränderungen sind größer, als es die Seele eines Fans eigentlich verkraften kann. Nach 85 Jahren verlässt die Borussia ihre Heimat, den Bökelberg. Am Freitag wird das neue Stadion eröffnet, das noch den provisorischen Namen Borussia-Park trägt. Doch nicht nostalgietrunkener Abschiedsschmerz begleitet den Umzug in das neue Zuhause des Vereins, sondern eine Aufbruchsstimmung. Der Klubführung ist es gelungen, das vereinseigene Stadion als Symbol für eine bessere Zukunft der Borussia darzustellen. 22 000 Dauerkarten wurden abgesetzt, die Eröffnungsfeier ist ausverkauft, und jetzt hoffen die Borussen, dass die Zuschauer trotz des zu erwartenden Verkehrschaos rund um die Arena wiederkommen.

So viel Umbruch war lange nicht in Mönchengladbach. Auch die Mannschaft wird in dieser Saison ein anderes Gesicht haben. Der sportlichen Führung ist dabei das Kunststück gelungen, drei Über- 30-Jährige zu verpflichten und den Altersschnitt trotzdem von 27,7 auf 26,6 Jahre zu senken. Dennoch ist der aktuelle Kader in der Theorie in 38 Jahren Bundesligazugehörigkeit derjenige, mit dem sich der Borussenfan vorerst am wenigsten identifizieren kann. Publikumslieblinge wie Arie van Lent und Jörg Stiel haben den Klub verlassen; dafür sind mit Christian Ziege, Sead Ramovic, Oliver Neuville und Nico van Kerckhoven Spieler gekommen, die in ihren Klubs keine Zukunft mehr hatten. Als Präsident Königs bei der Saisonabschlussfeier die Verpflichtung von Torhüter Darius Kampa verkündete, pfiffen die Fans. In der Praxis aber sind die Neuen längst als echte Borussen vereinnahmt worden.

Wer ist der Star?

Christian Ziege hat seine beste Zeit als Fußballer bei den Bayern in München erlebt. Normalerweise erleichtert einem das nicht unbedingt den Start in Mönchengladbach. Umso mehr spricht es für Ziege, dass er trotz dieser Vergangenheit in seinem neuen Klub bereits als Führungskraft akzeptiert ist. Trainer Holger Fach, der einen für Gladbacher Verhältnisse recht unromantischen Blick auf den Fußball pflegt, hat den 32-Jährigen sogar zum Kapitän ernannt, und niemand hatte das Gefühl, dass er damit eine falsche Entscheidung getroffen hat. Bei den Borussenfans hat sich Ziege auch dadurch beliebt gemacht, dass er seinen überraschenden Wechsel nach Mönchengladbach zur Erfüllung des Vermächtnisses seiner verstorbenen Mutter erklärt hat. Die war Anhängerin der Borussia, und „vielleicht guckt sie ja jetzt von oben zu“.

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Was ist möglich?

Für die Gladbacher ist es nach dem Aufstieg 2001 die vierte Saison in der Bundesliga, und in den Jahren zuvor hat die Mannschaft immer bis fast zum Schluss um den Verbleib in der Liga kämpfen müssen. Diese Aufregung möchten sich die Borussen diesmal ersparen. Trotzdem sagt Christian Ziege: „Von Platz 5 bis 18 ist alles möglich.“ Insgeheim sehen sich die Gladbacher aber eher im gesicherten Mittelfeld als tief im Abstiegskampf – auch wegen der Neuzugänge, die eine Menge Erfahrung in die Mannschaft bringen und an deren Seite sich junge Leute wie Thomas Broich, Jan Schlaudraff und Vaclav Sverkos weiterentwickeln sollen. Zumindest in der Theorie hört sich das plausibel an.

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