Sport : Das Ende der Schweigsamkeit

Die besten Skispringer der Welt haben sich bei der Vierschanzentournee ein Wohlfühlklima geschaffen

Benedikt Voigt[Bischofshofen]

Es war nur eine Frage. „Bist du auch so nervös?“, sagte der Norweger Anders Jacobsen. „Ja, mir geht es genauso“, antwortete der Schweizer Simon Ammann. Mehr ist nicht passiert oben auf der Paul-Ausserleitner-Schanze von Bischofshofen, trotzdem symbolisiert der kurze Dialog nicht weniger als eine kleine Revolution im Skispringen.

Mit dem 21 Jahre alten Norweger Anders Jacobsen und dem 17 Jahre alten Österreicher Gregor Schlierenzauer ist eine neue Mentalität in das Skispringen eingezogen. „Wir sprechen viel offener miteinander“, hat Simon Ammann festgestellt. Dabei haben die drei Springer in den vergangenen zehn Tagen bei der Vierschanzentournee scharf miteinander konkurriert, am Sonntag teilten sie schließlich die ersten drei Plätze unter sich auf: Anders Jacobsen siegte vor dem zweimaligen Tagessieger Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann. Was den Schweizer beeindruckte, war die faire Stimmung unter den Kollegen. „Wir haben einen sehr freundschaftlichen Umgang miteinander“, sagt Ammann, „das ist fast neu im Skispringen, und das schätze sich sehr.“

Der doppelte Olympiasieger von Salt Lake City kennt auch andere Zeiten. „Früher waren alle sehr viel mehr mit sich selbst beschäftigt“, sagt er, „bei den Olympischen Spielen 2002 habe ich mit niemandem ein Wort gesprochen.“ Das habe sich zwar nicht vollkommen geändert. „Der Egoismus ist noch da“, sagt Ammann, „jeder will gewinnen.“ Aber jetzt verstehe sich die Gilde der Skispringer eher als eine Mannschaft, die aus guten Einzelsportlern besteht. „Ich bin sehr froh darüber“, sagt der 25-Jährige.

Die zehn anstrengenden Tage der Vierschanzentournee haben die Springer in diesem Jahr einander näher gebracht. „Wir hatten eine gute Atmosphäre“, berichtet Jacobsen vom letzten Springen, „es war sehr aufmunternd.“ Für den ehemaligen Klempner war es selbstverständlich, mit den Kollegen zu reden. „Mir hilft das Sprechen“, sagt er, „mir hilft es, wenn ich weiß, dass es den anderen genauso geht wie mir.“ Nur wurde zuvor offenbar selten darüber kommuniziert. „Das ist neu, wenn man zugeben kann, wie es einem geht“, sagt Ammann, „das ist Stärke.“ Tatsächlich segelte Jacobsen anschließend in Bischofshofen auf die Tagesbestweite von 142 Meter. Dieser Sprung bescherte ihm den Tourneesieg.

Anders Jacobsen zählt erst seit einem halben Jahr zum Weltcupzirkus. Der ehemalige Hobbyspringer wurde im Sommer von Norwegens Trainer Mika Kojonkoski entdeckt. Gregor Schlierenzauer gehört ebenfalls erstmals zu den Besten der Welt, nachdem er vor dieser Saison das Mindestalter von 16 Jahren erreicht hat. Er verlässt die Tournee beschwingt, er sagt: „Es war einfach eine lässige Zeit.“

Diese Unbeschwertheit könnte auch ein Grund für den freundschaftlichen Umgang mit den Konkurrenten sein. „Vielleicht liegt das ja am sehr jungen Alter der Springer“, sagt Ammann, „die haben ja die Zeit nicht mitbekommen, in der jeder seinen eigenen Weg gegangen ist.“ Im nächsten Jahr aber werden alle ein Jahr älter und reifer sein. Bleibt die Frage, ob es dann wieder genauso locker zugeht.

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