Sport : Das Ende der Streithammel-Kultur

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Frank Bachner über das Erfolgsrezept des deutschen Schwimmer-Teams

Ralf Beckmann, der Teamchef der deutschen Schwimmer, kann schöne Geschichten erzählen. Zum Beispiel von der Kindergruppe aus der Stadt X. Die wollte unbedingt, dass ein Teil der Schwimm-Nationalmannschaft, vor allem natürlich Franziska van Almsick und Sandra Völker und Thomas Rupprath, die Stars des Teams, zu einer Autogrammstunde kommen. Kurz vor der Europameisterschaft natürlich. Oder Beckmann erzählt von weniger nett formulierten Anfragen von Eltern und Sponsoren und Journalisten, alle natürlich auch vor der EM gestellt, und alle wollten natürlich auch nur die Stars. Am Ende dieser Geschichten seufzt dann Beckmann: „Manchmal wünsche ich mir, ich wäre in Japan im Trainingslager gewesen und nicht in Potsdam.“ Und dann seufzt er nochmal und sagt, dass er ja nicht bloß Teamchef sei in diesen Tagen, sondern auch „Abfangjäger“.

Aber Beckmann ist noch mehr. Er ist vor allem der Mann, der die deutschen Schwimmer wieder aus den Negativschlagzeilen herausführte, der dafür sorgte, dass die Schwimmer wieder als Sportler wahrgenommen werden und nicht als eitle und neidische Streithammel. Eigentlich müssten ja Beckmann und alle Funktionäre des Deutschen Schwimmverbandes Stoßgebete zum Himmel schicken, dass ihre Sportler jetzt so begehrt sind. Im Grunde genommen sind die Anfragen ja Luxusprobleme.

Beckmann, der jahrelang im Hintergrund agierte, weil er sich um das Leistungszentrum Wuppertal kümmerte, hat den Schlendrian beendet, der die deutschen Schwimmer gelähmt hatte. Er hat den harten, bestimmten Ton wieder eingeführt. Eine seiner ersten Maßnahmen bestand darin, alle Trainer zusammenzurufen. Wer wegbleiben wollte, musste schon äußerst dringliche Familienangelegenheiten - oder ähnliches - geltend machen. Beckmann straffte die Trainingsformen, er ließ zentraler und gemeinschaftlicher trainieren, vor allem aber beherrscht er die Gratwanderung zwischen autoritärem Auftreten und der Förderung des Teamgeistes nahezu meisterhaft. Dem früheren Teamchef Winfried Leopold tanzten Selbstdarstellerinnen wie Sandra Völker und ihr ehrpusseliger Trainer Dirk Lange noch regelrecht auf der Nase herum.

Bei Beckmann sind solche Eskapaden undenkbar. Das wissen alle Beteiligten, und deshalb herrscht ein überaus guter Teamgeist, der gestern gleich mit zweimal Gold belohnt wurde. Die deutschen Schwimmer haben begriffen, dass sie bei dieser Europameisterschaft eine enorme Chance bekommen. Die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen so viele Wettkämpfe wie noch nie zuvor, zudem können sich die Deutschen im eigenen Land präsentieren. Bei der WM 2001, als sie unter Beckmanns Regie wieder zur Nummer Eins in Europa aufgestiegen waren, pflügten sie noch in Japan durch die Bahnen. Aber auch der Sportart Schwimmen insgesamt nützt die Außendarstellung seiner sportlichen Hauptdarsteller. Hinter der Formel 1 und dem Fußball findet ein harter Verdrängungskampf der Sportarten statt, jeder Funktionär wartet nur darauf, dass sich ein Konkurrenz-Verband öffentlich selbst schwächt.

So lange Beckmann regiert, und die eigenen Funktionäre ihm nicht in den Rücken fallen, werden die anderen Verbandsvertreter lange auf solche Patzer warten können. Und Schwimmerinnen wie Sandra Völker werden sich die Sätze verkneifen, die sie noch vor wenigen Jahren verkündeten: „Wir Athleten brauchen noch mehr Freiheiten.“

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