Sport : Das Ende der Tennis-Konfusion

Jörg Allmeroth

Die neue Rangliste ist leichter zu verstehen und erschwert den Stars das TaktierenJörg Allmeroth

Pünktlich zur Jahrtausendwende beginnt auch im internationalen Tennis-Wanderzirkus eine neue Zeitrechnung: Nach Jahren einer konfusen Ranglisten-Mathematik, die viele Fans verwirrte, soll nun mit einem Rennen vom Punkt Null an, ähnlich der Zählweise in der Formel 1, Klarheit in den Tennis-Unterhaltungsbetrieb kommen. Schon am Ende der ersten Januar-Woche des Jahres 2000, nach dem heute beginnenden Turnier in Doha (Katar), wird der erste Weltranglisten-Erste der neuen Ära gekürt: Titelverteidiger am Golf ist der Überraschungs-Champion von 1999, Rainer Schüttler. An Nummer eins gesetzt ist ein weiterer deutscher Tennisspieler, der Weltranglisten-Sechste der letzten Spielzeit, Nicolas Kiefer.

Die neun Topturniere der ATP Tour, früher Super Neun genannt, künftig mit dem Etikett Masters Serie versehen, bilden zusammen mit den Grand-Slam-Höhepunkten in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York das wesentliche Fundament der neuen Rangliste. Aus dem Abschneiden bei diesen dreizehn Turnieren sowie den besten fünf zusätzlichen Ergebnissen bei anderen Wettbewerben kleinerer Kategorien ermittelt sich der Punktestand zum Jahresende - und der neue Tennis-Champion. Die acht besten Spieler können allerdings wie gewohnt bei der Weltmeisterschaft zum Saisonschluss noch einmal kräftig punkten. Die mit dem Grand Slam Cup fusionierte WM trägt ab diesem Jahr den Namen Masters Cup. Spielort ist Lissabon. 2001 findet der Masters Cup in Sao Paulo auf Sand statt.

Das alte Weltranglisten-System erfüllt nur noch eine Funktion im Geheimen: Die Ergebnisse der jeweils letzten 52 Wochen, bisher das Ordnungs-Kriterium schlechthin, dienen der Spielergewerkschaft und den Turnierchefs als Anhaltspunkt für die Zugangs- und Setzlisten bei den Wettbewerben. Eine zwingende Verpflichtung, die Platzierungen auch deckungsgetreu auszuführen, besteht nicht. Bei den einzelnen Turnieren - mal auf Sand, mal auf Gras - werden die Verantwortlichen wohl noch intensiver nach den jeweiligen Stärken und Schwächen der Spieler setzen.

Da bei den Grand-Slam- und den Turnieren der Masters-Serie in Zukunft lukrative Punktepolster zu holen sind, erhoffen sich speziell die Chefs der Premiumwettbewerbe einen regeren Zulauf der Stars als zuletzt: Selbst beim ATP-Masters am Rothenbaum, das seinen Titel German Open verloren hat, wird mit dem Auftritt der Elite gerechnet, darunter die früher regelmäßig fehlenden US-Größen Sampras und Agassi. Zweites deutsches Masters-Turnier sind die ehemaligen Eurocard Open von Ion Tiriac. Ende der letzten Spielzeit hatten sich Spekulationen um den künftigen Spielort gerankt. Zumindest für das Jahr 2000 besteht aber noch ein gültiger Kontrakt mit der Stuttgarter Messegesellschaft. Unterhalb der Masters-Ebene sind in Deutschland vor allem die Turniere in Halle (Westfalen) und auf dem Stuttgarter Weissenhof von Bedeutung. Eher ungewiss scheint dagegen die Zukunft der Münchner BMW Open zu sein, die mittelfristig wieder auf den Status eines lokalen Events zurückfallen könnten.

Das leidige Taktieren der Stars mit Streichresultaten geht in jedem Fall zum Jahrtausendwechsel seinem wohlverdienten Ende entgegen. Denn schlechtes Abschneiden oder gar Fehlen bei den ausschlaggebenden Wettbewerben können selbst Topkräfte nicht mehr kompensieren. Wer nicht antritt, bekommt keine Punkte - punktum. Abgeschafft werden im Zuge der Neuerungen auch die Bonuspunkte für Siege über besonders hochwertige Gegner. Mit dieser in schillernden Worten angepriesenen Ranglisten-"Revolution" sollen auch die gewünschten Duelle der Besten häufiger als bisher zu sehen sein. Alte Ausweichstrategien seien "zum Glück nicht mehr möglich", kündigt Hamburgs Turnierdirektor Günter Sanders optimistisch an, der im Mai das "beste Feld aller Zeiten" am DTB-Sitz Rothenbaum erwartet.

Die sich abzeichnende Hackordnung und Hierarchie in der Tennis-Szene, in der die stärkeren Turniere immer stärker werden und die schwächeren Wettbewerbe womöglich einen langsamen Tod sterben, hat allerdings auch Schattenseiten: Denn für die Nachwuchsspieler wird es ohne Zugangsberechtigung zu den Masters- oder Grand-Slam-Wettbewerben viel schwerer, sich künftig in halbwegs lohnenden Zeiträumen in Gipfelregionen vorzuspielen. Kritiker des 2000-Systems befürchten schon, "dass der gesamte professionelle Unter- und Mittelbau wegfällt".

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