Sport : Das englische Elend

Capellos Team bleibt seiner WM-Geschichte treu – und diskutiert wieder einmal über den Torwart

Gregor Derichs[Rustenburg]

Wie sich ein tapferer Torwart verhält, bewies Tim Howard. Der Schlussmann der USA hatte sich bei einem Zusammenprall in der 29. Minute mit Englands Stürmer Emile Heskey verletzt, musste in der Pause fitgespritzt werden – und hielt dann in der zweiten Halbzeit alle Schüsse, die auf sein Tor kamen und wurde zum besten Spieler des Spiels gewählt. Am nächsten Tag wurde klar, dass Tim Howard das Ganze eventuell sogar mit einer gebrochenen Rippe getan hat – und für das nächste Spiel am Freitag gegen Slowenien ausfallen könnte. Nach dem Spiel musste auch Englands Torhüter Robert Green tapfer sein – allerdings aus einem anderen Grund.

Die Engländer waren nach dem 1:1 (1:1) gegen die USA zum Start des vermeintlichen WM-Titelkandidaten in Südafrika bitter enttäuscht. Zunächst war ihnen zwar ein großartiger Start gelungen. Steven Gerrard, der neue Kapitän des Teams, erzielte schon nach vier Minuten das 1:0. Doch kurz vor der Pause gerieten sie in eine Schockstarre. Torwart Robert Green unterlief ein haarsträubender Fehler, er ließ einen hoppelnden Distanzschuss von Clint Dempsey auf die Mitte des Tores völlig ungelenk durch die Hände gleiten und zum 1:1 ins Netz trudeln. „Es tut mir so leid, aber das ist das Leben“, sagte Green.

Es war eine neue Folge in der Geschichte: England und seine Torhüter. Capello hatte wegen der mangelnden Qualität seine Torwart-Wahl lange offen gelassen und sich schließlich für den 30-jährigen Green von West Ham anstelle von David James (39) und Joe Hart (23) entschieden. Nun muss er über seine Entscheidung erneut nachdenken.

„Wir haben Zeit, mit ihm zu sprechen“, sagte Capello, „dann werde ich entscheiden.“ Die englische Presse war entsetzt. „Was für ein Elend“, schrieb die „Mail on Sunday“. „Über dieses fürchterliche Leck werden die Yankees sich nicht beschweren“, schrieb die „Sunday Times“ in Anspielung auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Immerhin Greens Gegenüber zeigte Mitgefühl. „Ich bedaure ihn“, sagte US-Keeper Howard.

Seine Teamkollegen waren nach dem frühen Rückstand immer besser ins Spiel gekommen. Der Außenseiter erarbeitete sich mehr Spielanteile, gab mehr Torschüsse ab. Die Engländer wehrten sich mit Härte und setzten Torwart Howard stärker unter Druck. Gegen Glen Johnson vor der Pause und Lampard, Heskey sowie Shaun Wright-Phillips in der zweiten Halbzeit zeichnete sich der 31 Jahre Keeper aus. Die Amerikaner hatten durch Jozy Altidore sogar die große Chance zum Siegtor. Green, der erneut unsicher wirkte, lenkte den Schuss aber mit viel Glück an den Pfosten.

Der verletzte Topstar David Beckham stand im feinen Anzug vor der Ersatzbank und machte ein langes Gesicht. Trainer Fabio Capello wendete sich mit Grausen ab. In einigen Szenen hatte der Italiener fast einen Wutanfall wegen missratener Aktionen seiner Spieler bekommen. Nach dem Spiel aber sagte der 63 Jahre alte Trainer: „Alles ist positiv, nur das Ergebnis nicht.“ Steven Gerrard erfüllte die Erwartungen, doch Wayne Rooney und Frank Lampard agierten weitgehend wirkungslos. „Das war ziemlich frustrierend“, sagte Lampard, und Gerrard kommentierte: „Da ist noch Luft nach oben.“

Die US-Amerikaner sind mit dem Ergebnis hochzufrieden. Mit Erfolgen gegen die nächsten Kontrahenten Slowenien und Algerien in der Gruppe C peilen sie das Achtelfinale an, in dem die deutsche Mannschaft der Gegner sein könnte.

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