Sport : Das Erbe des Königs

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Von Martín E. Hiller

Im Jahre 1521 wurde Cuauhtémoc vom spanischen Eroberer Hernan Cortés besiegt, sein Geschlecht ausgelöscht. Der letzte Aztekenkönig galt wie seine Vorgänger als Abkömmling eines vormals ausgewanderten weißen Gottes, dessen Wiederkehr erwartet wurde. Ein halbes Jahrtausend später tauften das Ehepaar Bravo Blanco seinen Sohn nach dem antiken Herrscher. Voller Stolz verfolgten die Eltern von Cuauhtémoc Blanco, wie dieser zum Spielmacher der mexikanischen Nationalmannschaft aufstieg und sein Land mit neun von 16 Qualifikationstoren quasi alleine zur Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea schoss. Heute könnte der 29-Jährige wenn schon nicht zum Gott, so doch zum Nationalhelden werden, wenn er seine Mannschaft auch noch zum Sieg über die ungeliebten USA und damit zum dritten Mal ins Viertelfinale einer Fußballweltmeisterschaft führt.

Nach der Vorrunde geht Mexiko, das seine Gruppe unerwartet klar gewonnen hatte, als leichter Favorit in das Spiel gegen die Amerikaner, die nur gegen Portugal eine gute Figur machten, sich bei ihrem letzten Auftritt gegen Polen blamierten und dank der Schützenhilfe der Koreaner ins Achtelfinale einzogen. Mexiko dagegen zeigte sein bisher bestes Spiel gegen die zuvor als Gruppenprimus eingeschätzten Italiener, spielte souverän aus der Abwehr heraus und kam durch Jared Borguetti zu einem wunderschönen Kopfballtor, nach sehenswerter Vorarbeit von Blanco. Mit dieser Leistung hätte Mexiko seinen dritten Sieg statt eines Unentschiedens verdient, wie auch Bruce Arena anerkennt. „Wir kennen Mexiko sehr gut. Sie haben eine herausragende Mannschaft und werden ein sehr schwerer Gegner sein“, sagte der Trainer des US–Teams. Die beiden Mannschaften sind einander sehr vertraut, trafen bereits in der Qualifikation aufeinander. Seinerzeit gewann jedes Land sein Heimspiel und „jetzt werden wir mal sehen, wie es auf neutralem Boden läuft“, sagte der Mexikaner Javier Aguirre, Nationaltrainer in einem Land, das wie kaum ein anderes in Patriotismus und Glauben verwurzelt ist. Man betritt kein Lokal in Tenochtitlan, wie Mexiko-Stadt von vielen Einheimischen noch immer genannt wird, ohne auf die Landesflagge einerseits und auf ein Abbild der Muttergottes andererseits zu stoßen. Die Mexikaner sind stolz auf ihre Geschichte, die viel älter ist als diejenige des nördlichen Nachbarns. Zu diesem Stolz kommt pure Feindseligkeit gegenüber den USA, die noch aus dem Krieg von 1846 herrührt. Mexiko verlor, musste mit Kalifornien, New Mexico, Arizona und Texas einen großen Teil seiner Landmasse abtreten und seither ertragen, wie sich amerikanische Touristen in Mexiko als Eroberer aufführen. Einem Weißen, der in Mexiko Taxi fährt, wird erst dann die freundliche Aufmerksamkeit des Fahrers zuteil, wenn er zu erkennen gibt, dass er kein Gringo, kein US–Amerikaner ist. Und nicht nur in Mexiko, ja wohl in ganz Lateirika drücken sie heute die Daumen, dass die mächtigen Vereinigten Staaten ein Turnier verlassen, für dessen Sport sie sich ohnehin nicht interessieren: Auch im Westen der USA stellen Mexikaner und andere Hispanos einen großen Teil der Bevölkerung, und bei einem Sieg der Mittelamerikaner werden die Straßen von ganz Los Angeles so fest in mexikanischer Hand sein, wie es das Zentrum auch sonst immer ist.

Ein Sieg im ersten WM-Duell mit den USA würde den Mexikanern auch Gelegenheit zur Revanche gegen Deutschland verschaffen, nachdem sie bei der letzten Weltmeisterschaft im Achtelfinale von der DfB-Elf aus dem Turnier geworfen worden sind. „Erst die USA ausschalten und dann Deutschland. Das wäre ein Traum“, sagte Rafael Márquez, der Mannschaftskapitän Mexikos. Dann hätte auch Blanco wieder die Möglichkeit, deutsche Spieler mit seinem Spezialtrick, dem Sprung über das gegnerische Bein mit dem zwischen den Knöcheln eingeklemmten Ball, auszunehmen.

Doch zuerst steht ein Sieg gegen den Erzrivalen an, den Mexiko bisher in 46 Spielen 28 Mal bezwingen konnte, bei nur neun Niederlagen. Sollte das Spiel enden wie das Halbfinale des Confederations Cup 1999, verkündet Staatspräsident Vicente Fox vielleicht wieder einen Nationalfeiertag und setzt eine Party im Nationalmonument der Mexikaner an, dem Aztekenstadion. Denn damals schlug Mexiko die Vereinigten Staaten durch ein Golden Goal in der Verlängerung und zog ins Finale ein. Der Schütze des entscheidenden Tores? Natürlich der Mann mit dem großen Namen: Cuauthémoc Blanco.

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