Sport : Das falsche Mittel

Die Leichtathletik-WM hat ihren ersten Dopingskandal – Sprintweltmeisterin Kelli White wurde positiv getestet

Frank Bachner

Paris. Kelli White spreizte ihre Finger zum V-Zeichen, sie lächelte auch, und selbstverständlich zeigte sie die US-Flagge. Aber irgendwie waren es mechanische Gesten, sie transportierten nicht wirklich Emotionen. Entweder, Kelli White aus Union City, USA, betrachtete es als Selbstverständlichkeit, dass sie gerade eben 200-m-Weltmeisterin geworden war und damit ihren zweiten Titel nach dem 100-m-Sieg gewonnen hatte. Oder sie hatte hellseherische Fähigkeiten.

Wenn es so war, dann wusste sie am Donnerstagabend frühzeitig, dass ihr der 100-m-Titel bestimmt und der 200-m-Titel möglicherweise aberkannt werden würde. Im schlimmsten Fall drohen ihr sogar zwei Jahre Sperre. Begründung: Doping. Denn Chemiker des Labors von Chatenay Malabry hatten im Urin von White Spuren des Aufputschmittels Modafinil analysiert. Modafinil ist eine berüchtige Partydroge, in der Szene hat es den Namen „Zombie“. Im Irak- Krieg nahmen US-Kampfpiloten das Mittel, um die langen Flüge durchzustehen.

Die entscheidende Probe wurde nach dem 100-m-Lauf am vergangenen Sonntag genommen. Modafinil steht namentlich zwar nicht auf der Liste der verbotenen Mittel der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Dort soll Modafinil erst 2004 namentlich dokumentiert werden. „Aber es steht fest, dass es zu den wirkungsverwandten Stoffen der Aufputschmittel zählt, und damit liegt ein Dopingfall vor“, sagte Arne Ljungquist, der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Weltverbands IAAF. Alles hängt jetzt davon ab, wie Modafinil eingestuft wird: Gilt es als starkes Stimulans und kann Kelli White keine befriedigende Erklärung für die Einnahme abgeben, werden ihr beide Titel aberkannt, sie wird zudem zwei Jahre gesperrt. Wird es von den Experten als eher leichtes Aufputschmittel deklariert, kommt die US-Amerikanerin mit einer Aberkennung eines oder zweier Titel und einer Verwarnung davon. „Modafinil ist ein langwirkendes Mittel, es würde mich nicht wundern, wenn auch die Probe nach dem 200-m-Lauf positiv wäre“, sagte Ljungquist.

Kelli White gab zu, das Mittel genommen zu haben. Sie habe das aber nicht beim Weltverband angemeldet, weil Modafinil nicht auf der Dopingliste stehe. Außerdem sei ungewöhnliche Müdigkeit in ihrer Familie eine Erbkrankheit. „Ich bin unschuldig“, beteuerte sie. Das amerikanische Team nahm Kelli White am Abend vorsichtshalber aus der 4 x 100-m-Staffel. In dem Quartett, das den Sprint um Gold gegen Frankreich verlor, war White als Schlussläuferin vorgesehen.

Schon im vergangenen Jahr war Kelli White aufgefallen. Allerdings nur aus Sicht französischer Anti-Doping-Fahnder. Die analysierten nach dem Golden-League-Meeting 2002 in Paris in ihrem Urin Kortison. Das stand nicht auf der Dopingliste der Wada, und White verteidigte sich, sie habe dieses Kortison als Schmerzmittel benutzt. Nach den verschärften französischen Anti-Doping-Regeln ist Kortison in Frankreich im Sport allerdings verboten. Die französischen Sportrichter sperrten White, ab 1. Janaur 2003, für sechs Monate. Aber nur für Meetings auf französischem Gebiet. Die IAAF verfolgte den Fall nicht. Der Weltverband stellte sich, mit Blick auf die WM, sogar hinter die Athletin. IAAF-Präsident Lamine Diack und Frankreichs Sportminister vereinbarten in einem Gipfeltreffen, dass während der WM nur die Wada-Dopingregeln gelten.

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