Sport : Das falsche Stück auf der großen Bühne Misstöne prägen die Eisschnelllauf-WM

Frank Bachner[Inzell]

Deutete sich da etwa ein Anflug von Zickenduell an, quasi in letzter Sekunde? Konnte man diesen Satz von Anni Friesinger nicht als hämische Spitze gegen Claudia Pechstein verstehen? Friesinger hatte gerade erzählt, dass sie in ihrem letzten Rennen im Inzeller Eisstadion nahe an der Bande gelaufen war, um dem eiskalten Gegenwind möglichst auszuweichen. Dass sie deshalb gleichmäßig laufen konnte und auch dadurch überraschend Weltmeisterin über 5000 Meter im Eisschnelllauf wurde. „So muss man laufen“, fügte sie lächelnd an. Claudia Pechstein war nicht so gelaufen. Sie hatte am letzten Tag der WM das Gefühl, „dass meine Lunge vereist“. Sie gewann Silber.

Nein, keine Spitze, darauf legte Friesinger Wert. „Es gibt bei uns keinen Streit zwischen mir und Claudia Pechstein.“ Alle wollten feiern, die Funktionäre der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), die Stars wie Friesinger und Pechstein. „Ein sehr, sehr positives Fazit“, zog Gerhard Zimmermann, der Chef der DESG nach zwei Gold- und vier Silbermedaillen. Wäre Pechstein nicht grippegeschwächt gewesen und Friesinger nicht gehandicapt durch einen verletzten Zeh und einen verletzten Finger, wäre die Bilanz noch besser ausgefallen. 3,2 Millionen TV-Zuschauer verfolgten den Goldlauf des deutschen Teams, 1,93 Millionen die 3000 Meter der Frauen, bei denen Pechstein Gold gewann.

Nur drang diese schöne Bilanz nicht so richtig durch. Die WM hätte gute Werbung für den deutschen Eisschnelllauf und die DESG sein können. Doch auf der Bühne wurde zeitweise ein anderes Stück wahrgenommen. „Die Auseinandersetzungen haben eine tolle Veranstaltung irgendwo überschattet“, sagte Zimmermann. Das hört sich an, als hätte eine fremde Macht Schicksal gespielt. Dabei sorgte die DESG selbst dafür, dass der kleinkarierte Streit zwischen Pechstein und Chef-Bundestrainer Kraus grotesk überhöht wahrgenommen wurde. Die DESG hatte dabei gar nicht die schlechteren Argumente, sie agierte nur ungeschickter als Pechstein und ihr Manager Ralf Grengel. Die handelten schlicht aggressiver und zeitweise auch einfach skrupelloser. Pechstein griff Kraus dauerhaft öffentlich an, Grengel zeigte im Sponsorenzelt der DESG interne Protokolle herum. Die DESG versuchte noch intern zu schlichten, als sie sich längst klar hinter Kraus hätte stellen müssen.

Dass Anni Friesinger sich aus dem Streit heraushielt, war einerseits authentisch, andererseits clever. Sie hat den früheren Zickenstreit einfach satt, zudem wusste sie, dass die dauernden Angriffe auch Pechstein beschädigen würden. Friesinger gab ihre Antwort auf dem Eis. „Das Gold im Teamwettbewerb ist eine sehr wichtige Medaille“, sagte sie. Die Besetzung des Teams war einer der Streitpunkte zwischen Pechstein und Kraus.

Die DESG hätte dringend eine gute Selbstdarstellung benötigt. Denn weitere Gelegenheiten werden selten. Claudia Pechstein, Sabine Völker und Monique Garbrecht-Enfeldt werden bald abtreten, Anni Friesinger ist auch schon 28 Jahre alt, die medial interessanten Namen fallen weg. Und Ersatz ist nicht zu sehen. „Wir leben von einer dünnen Decke“, sagt Isolde Weidner, die Nachwuchs- Cheftrainerin des DESG. „Es wird immer schwieriger, talentierte Kinder zu gewinnen und auszubilden.“ Die Männer laufen der internationalen Konkurrenz ohnehin schon seit Jahren hinterher.

Nicht mal der Umgang mit dem Hauptsponsor der DESG war störungsfrei. Der Geldgeber, eine Bank, wollte vor dem Stadion ein großes Festzelt aufbauen. Dem örtlichen Planungschef der Weltmeisterschaft war es zu groß. Er ließ nur eine kleine Fläche vom Schnee freischaufeln. Die Bank selber bestellte daraufhin Helfer mit Planierraupen, die Platz schafften. Die Rechnung dafür übernahm erst einmal der Sponsor.

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