Sport : Das Fenster nach China

Wie die Globalisierung aus den zuvor wenig beachteten Tischtennisspielern gefragte Werbestars macht

Friedhard Teuffel

Berlin. Chinesisches Tischtennis hat Werner Schlager lange Zeit nicht gemocht. Die Chinesen standen dem Österreicher oft im Weg, sein überragendes Talent in einen großen Titel umzuwandeln. Irgendein Chinese hielt ihn immer auf, im Halbfinale oder im Finale. Doch inzwischen sagt Schlager: „Wir müssen uns bedanken bei den Chinesen. Denn wir leben ja auch von ihnen.“ Zwei Dinge haben Schlagers Meinung geändert. Zum einen ist er im Mai 2003 Weltmeister im Einzel geworden. Zum anderen hat er kürzlich einen lukrativen Werbevertrag mit einem chinesischen Unternehmen abgeschlossen. Bald wird er im chinesischen Fernsehen zu sehen sein, wie er ein Wellnessgetränk anpreist. „Wir sollten uns nicht mehr dazu hinreißen lassen, über die Chinesen zu schimpfen“, sagt Schlager, „ohne ihre Stärke würde Tischtennis in Europa verkümmern.“

Über Jahre hinweg haben die Chinesen die Europäer beim Tischtennis gedemütigt mit ihrem trickreichen Spiel, ihrer Masse an Spitzenspielern, und bei den Damen machen auch heute noch die Chinesinnen alle Titel unter sich aus. Auch bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft, die am Montag in Katar beginnt, ist China wieder Favorit. Doch die Chinesen könnten den Rest der Tischtennis-Welt reich machen. Es könnte sein, dass ausgerechnet Tischtennis ein großer Gewinner der Öffnung des chinesischen Wirtschaftsmarktes ist. Denn viele europäische und amerikanische Unternehmen wollen in den chinesischen Markt hinein und benötigen dafür große Werbeplattformen – wie zum Beispiel Tischtennis. Denn Tischtennis ist in China Volkssport Nummer eins.

Das hat Karl Altenhuber, Geschäftsführer der Wiener Vermarktungsagentur „Eventive“ erst neulich gemerkt, als er gemeinsam mit Schlager den Vertrag mit dem chinesischen Unternehmen ausgehandelt hat. Altenhuber hatte vorher mit einem chinesischen Journalisten gesprochen. Der berichtete ihm von einer Sendung über Jugendtischtennis, die er nachmittags um halb fünf im chinesischen Fernsehen mache. „20 bis 25 Millionen Zuschauer sehen diese Sendung“, sagte der Journalist und ergänzte zu Altenhubers Überraschung: „Damit kann ich nicht zufrieden sein.“ Bei Weltmeisterschaften schauen schließlich bis zu 100 Millionen Chinesen den täglichen Übertragungen im chinesischen Fernsehen zu.

Das hat dazu geführt, dass auf Tischtennis weltweit tätige Konzerne aufmerksam geworden sind, zum Beispiel die Volkswagen AG. VW produziert in Schanghai und ist Marktführer auf dem am schnellsten wachsenden Automarkt der Welt. Seit dem vergangenen Jahr ist VW Titelsponsor aller Pro- Tour-Turniere in Asien, des Pro-Tour-Finales, des World Cups und der nächsten Einzel-Weltmeisterschaft, die 2005 in Schanghai stattfindet. Jetzt gibt es beim Pro-Tour-Finale für die Siegerin und den Sieger zum ersten Mal ein Auto als Preis, einen VW-Beetle. Bislang gab es so etwas nur bei den reicheren Sportarten.

VW ist auch Teamsponsor der deutschen Nationalmannschaft. Vom Nutzen des Engagements im Tischtennis hatte Britta Gerlach den Automobilkonzern überzeugen können. Sie führt die Geschäfte der deutschen Tischtennis-Marketing-Gesellschaft und hatte VW erst einmal die Werberechte für die German Open 2002 angeboten, eine Veranstaltung, die mit viel Glück ein paar Sendeminuten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erhält. Anders in China: Zwölf Stunden live sendete der chinesische Kanal CCTV 5 von den German Open.

Dass Tischtennis eine äußerst preiswerte Methode ist, um in China präsent zu sein, auch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking, hat sich trotzdem noch nicht groß herumgesprochen. „Man muss zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen treffen. Europäischen Unternehmen ist gar nicht bewusst, welchen Einfluss Tischtennis in China hat“, sagt Britta Gerlach. Im Tischtennis hat sich ein großes Fenster aufgetan mit prächtigen Aussichten auf den chinesischen Markt. Einer der ersten, der davon profitiert hat, war der Schwede Jan-Ove Waldner, der vielleicht beste Spieler, den es im Tischtennis bislang gab. Für die Firmen Ericsson und Electrolux trat er in China als Repräsentant auf. Nun geht es weiter mit Werner Schlager. Der sagt: „Es wird nicht lange dauern, bis auch Timo Boll und andere Verträge abschließen. China ist unsere Chance für Tischtennis.“

Zugute kommt dem Tischtennissport nicht nur die Öffnung des chinesischen Marktes, sondern auch die Veränderung des chinesischen Sportbewusstseins. „Bei der WM 1995 in Tianjin haben sich die Zuschauer noch gefreut, dass am Schluss nur noch Chinesen gegeneinander gespielt haben. Jetzt wollen viele Chinesen lieber den Wettbewerb China gegen Europa sehen“, erzählt Britta Gerlach. Daher ist auch die Popularität europäischer Spieler gestiegen. Karl Altenhuber erzählt: „Ich war jetzt mit Werner Schlager beim Wiener Opernball. Da ist er auch angesprochen worden. Aber in China kann er nicht mal ohne Begleitung aus dem Hotel gehen.“ Schlager selbst berichtet von einer Umfrage der größten chinesischen Sportzeitung: „Da bin ich zum beliebtesten nicht-chinesischen Sportler gewählt worden.“ Ein Grund mehr für ihn, um China zu mögen.

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