Sport : Das Finale eines Traums

Die deutsche Nationalmannschaft wird Zeit brauchen, um die Niederlage gegen Italien zu verdauen

Michael Rosentritt[Dortm]

Plötzlich ist es ganz still im lautesten Stadion Deutschlands. Keine Party, kein Singsang, keine Blitzlichter von den voll besetzten Zuschauerrängen. Es ist, als sei alles in eine seltsame Starre verfallen. Nur allmählich kommen die Töne und die Bewegungen wieder.

Jürgen Klinsmann spaziert durch den Mittelkreis des Dortmunder Stadions. Er geht seinen typischen Gang – nur nicht ganz so federnd, nicht ganz so schwungvoll wie sonst. Warum hat sich der Bundestrainer diesen Platz jetzt ausgesucht? Es gibt solche Bilder von Franz Beckenbauer, wie er auf dem Rasen Roms die Minuten nach dem WM-Triumph für sich genießt. Das ist jetzt 16 Jahre her. Aber jetzt und hier kann niemand genießen, mal abgesehen von den Italienern. Klinsmann trägt seine Hände nicht wie Beckenbauer in den Hosentaschen. Sein Werk ist nicht vollendet. Was gerade passiert, kann er nicht greifen. Er kann nichts mehr ausrichten. Was jetzt tun?

Das Unfassbare ist geschehen. Die deutsche Mannschaft hat verloren. Aus im WM-Halbfinale, Sekunden vor dem Elfmeterschießen. Der italienische Linksverteidiger Fabio Grosso und der eingewechselte Stürmer Alessandro del Piero treffen zwischen der 119. und der 121. Minute ins Tor und versetzen die Deutschen in einen Schockzustand. Es scheint, als wisse auch Klinsmann für Momente nicht, wie er reagieren soll. Dann fängt er an, in die Hände zu klatschen. Es ist kein lautes, kein herzhaftes Klatschen, es hat nichts Antreibendes. Er klatscht und klatscht und klatscht. Einfach so vor sich hin. Sein Gesicht ist leer. Eine Kamera kommt ihm ganz nah. Er dreht sich weg.

Welche Gedanken schießen ihm durch den Kopf? Fasst Klinsmann gerade den Entschluss, seine Arbeit als Bundestrainer fortzusetzen, wie es von allen Seiten gefordert, gewünscht, ja erbeten wird? Oder hört er auf? „Es ist absolut unwichtig, was mit meiner Person passiert“, wird er später erzählen. „Es geht hier nur um die Mannschaft.“

Diese ersten Minuten nach dem WM- Aus der Deutschen sind sonderbar. Da fallen die Betreuer der Italiener über ihre Spieler her, bis sie sich auf dem Rasen rollen. Und die Deutschen? Der lange Per Mertesacker sackt in sich zusammen und kauert auf dem Spielfeld. David Odonkor reibt sich mit seinem Trikot die Tränen aus den Augen und Jens Lehmann stemmt die Arme in die Hüfte und steht da wie aus Pappe in Orange. „Die Enttäuschung ist jetzt sehr, sehr groß bei uns. Es tut sehr weh, wenn man so kurz vor Schluss so einen K.o.-Stoß bekommt“, sagt Klinsmann. Das Stadionpublikum kommt langsam zu sich. „Deutschland, Deutschland“-Sprechchöre schwellen an. Ihre Mannschaft hat verloren, aber das Gefühl, das mittlerweile obsiegt, ist, dass die Mannschaft etwas Großes geleistet hat. Die Spieler berappeln sich und biegen ein, auf eine Ehrenrunde. Vorne weg geht Michael Ballack, der sich immer wieder auf die Unterlippe beißt. Seine Mitspieler trotten hinterher. Alle wirken niedergeschlagen. Sie applaudieren apathisch in die Zuschauerränge, die Blicke der meisten von ihnen aber gehen zu Boden. Und am Ende der traurigen Masse macht Jens Lehmann ein Gesicht, das leerer nicht sein kann.

„Wir hatten alle einen Traum, und dieser Traum ist uns jetzt genommen“, sagt der Bundestrainer. Es werde „einige Zeit dauern“, das zu verarbeiten. Klinsmann redet leise, zwischen seinen Sätzen schluckt er. Seine Augen wirken müde. Wie schwer muss es sein für einen wie ihn, der zwei Jahre lang jeden Einzelnen seiner Mannschaft stark redete, für den es keine Zweifel gab, der sein Team mit grenzenlosem Optimismus impfte und ihm einen fast übersinnlichen Glauben an die eigene Stärke schenkte? Jetzt ist alles aus, kurz vor dem Ziel. Was bleibt? Bilanz ziehen möge, „wer immer es machen möchte“, sagt Klinsmann.

Seine Mannschaft hat voller Leidenschaft tapfer gekämpft und sich dann doch von cleveren Italienern verführen lassen. Verführen lassen zu einem offenen Schlagabtausch, den diese deutsche Mannschaft eigentlich nicht gewinnen konnte, nachdem Marcello Lippi einige Topstürmer eingewechselt hatte. „Am Ende geht es nur um Qualität“, sagt Italiens Nationaltrainer, „und die war heute eher auf unserer Seite.“ Das ist nicht ehrenrührig für die Deutschen, aber auf allerhöchstem Niveau sind ihnen noch Grenzen gesetzt.

„Ich mache Italien ein Kompliment. Wir drücken ihnen für Sonntag die Daumen“, sagt Klinsmann. Seine Mannschaft wird am Samstag in Stuttgart das „kleine Finale“ bestreiten. Ein schwacher Trost, finden die Spieler. „Es ist schwer, sich für so ein Spiel zu motivieren“, sagt Lukas Podolski. Der Noch-Kölner selbst hatte in der Verlängerung zwei gute Torchancen vergeben. Eine besonders gute nach einer Flanke von Odonkor. Der sagt jetzt mit verheulten Augen: „Wir hatten andere Ziele, als um Platz drei und vier zu spielen.“

„Gestern Abend kam noch keine Freude auf, dass wir eine tolle WM gespielt haben“, sagt anderntags Oliver Bierhoff. Nach der Ankunft in ihrem Berliner WM-Quartier gegen drei Uhr nachts gehen die Spieler schnell auf ihre Zimmer, „sie waren traurig und sehr mitgenommen“, erzählt der Manager der Nationalmannschaft.

Noch in der Kabine, direkt nach dem Spiel, spricht Klinsmann zu seiner Mannschaft. Er sagt ihr, dass sie stolz auf sich sein kann; sie habe Riesiges geleistet. „Man muss nun die Jungs wieder aufrichten. Sie sind immer an ihre Grenzen gegangen – auch heute. Wir werden das mit Anstand zu Ende bringen.“

Aber was zu Ende bringen? Das kleine Finale bleibt. Gibt es einen kleinen Titel? Bestimmt. Denn einmal in dieser Nacht wird Klinsmann noch lächeln. Er sagt: „Wir haben Emotionen geweckt und viele, viele Menschen zueinander gebracht. Wir haben was bewegt.“

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