Sport : Das ganz große Glück

Hartmut Scherzer

Thomas Bach ist ein Fan des Biathlon. Nur eine der bisher sieben Medaillen der deutschen Ski- und Schieß-Zweikämpfer hat der IOC-Vizepräsident in Soldier Hollow verpasst. Da gab er dem Rodler Georg Hackl den Vorzug vor Andrea Henkel. Die Biathleten seien alle tolle Typen und jeder Wettkampf ein Highlight. "Und Magdalena Forsberg ist so eine tolle Frau", geriet Bach geradezu ins Schwärmen. Trotz aller deutschen Ambitionen hatte der Mann tatsächlich gehofft, dass die Schwedin das Verfolgungsrennen gewinnt. Doch die "Biathlon-Königin" wurde in ihrer Paradedisziplin über 10 km nur Sechste.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Thomas Bach tat es "ein bisschen weh, dass sie ihre große Karriere nun ohne eine olympische Goldmedaille beendet". Die Silbermedaille von Kati Wilhelm, mit dem Gold im Sprint nun die Thronfolgerin der Forsberg, linderte seinen Schmerz. Zweite hinter der Russin Olga Pylewa, obwohl sie sich vier Fehlschüsse leistete, das muss dem "Rotkäppchen" aus dem Thüringer Wald erst einmal eine nachmachen. Forsberg, die 34 Jahre alte große Dame des Biathlon, sechsmal Weltmeisterin und seit 1997 ohne Unterbrechung fünfmal Weltcup-Siegerin, war nur noch fünf Patronen und zwei Kilometer vom ersehnten olympischen Gold entfernt. Da versagten ihr am Schießstand die Nerven. Biathlon war zum Hitchcock geworden.

Als Kati Wilhelm letztmals den Schießstand verließ, hatte sie keine Ahnung, wo sie stand. Sie habe auf die Anzeigetafel "gelinst" und zu ihrer Überraschung gesehen, dass sie ganz vorne stand. "Da kam auch schon die Olga vorbei und ich wusste: "Jetzt geht es um das ganz Große." Vom Schusspech aller Favoritinnen profitierte Olga Pylewa (ein Fehlschuss), die sich mit einem Rückstand von 1:02 Minuten beim Start keine Hoffnungen auf irgendeine Medaille gemacht hatte. Ob das Ergebnis fair sei, wurde sie gefragt. "Im Biathlon ist nichts fair. Verfolgung ist psychologisch ein anspruchsvolles Rennen. Ich hatte heute alles Glück. Alles kam zusammen", antwortete sie. Wie die schwachen Nerven von Magdalena Forsberg.

Die Biathlon-Königin tritt in Soldier Hollow ab, der neue Biathlon-König bestieg in diesem abgelegenen Winkel am Fuße der malerischen Wasatch Berge den Thron: Ole Einar Björndalen. Mit der dritten Goldmedaille, der vierten insgesamt, macht der 28 Jahre alte Norweger olympische Biathlon-Geschichte. Keine Chance hatten die deutschen Skijäger, den norwegischen Supermann zu jagen. "Björndalen ist phänomenal. Ein Athlet von einem anderen Stern", sagte Bundestrainer Frank Ullrich voller Anerkennung und freute sich "für die erste Medaille von Ricco Gross bei diesen Spielen". Der 31 Jahre alte Sachse aus Ruhpolding erkämpfte sich bei seiner vierten Olympiateilnahme die Bronzemedaille. Gross, vorher zweimal Vierter, hat nun in den Spielen in Albertville, Lillehammer, Nagano und Salt Lake City insgesamt sechs Medaillen gesammelt: Dreimal Gold mit der Staffel, zweimal Silber im Sprint und nun erstmals Bronze in der Verfolgung. Das ist auch einen Eintrag ins Guiness-Buch des Biathlon wert. Wenn es die Herren nicht so spannend machten wie die Damen, lag der fehlende Nervenkitzel an der Überlegenheit Björndalens.

"Drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen sind sicherlich außergewöhnlich in einer Disziplin, in der zehn bis fünfzehn andere auch gewinnen können", schätzte Björndalen den Wert seines dreifachen Triumphes ein. Der Norweger, der im Elternhaus seiner Verlobten, der italienischen Biathletin Natalie Santer, in Südtirol lebt und dort in Höhenlagen bis zu 2000 Metern trainiert, ist ein gelassener und ausgeglichener Typ. "Ich hatte heute richtig Spaß. Den brauche ich auch, denn Olympische Spiele sind mir manchmal zu ernst. Ich bin auf einer positiven Welle gelaufen, habe schnell und sauber geschossen." Zu einer Goldmedaille hat Magdalena Forsberg diese Gelassenheit eines Ole Einar Björndalens stets gefehlt.

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