Sport : Das Gefühl, gut zu sein

Jürgen Klinsmann hat seine Spieler nicht zu größeren Fußballern gemacht – aber er hat sie dazu gebracht, ihre Fähigkeiten voll auszuschöpfen

Michael Rosentritt[Mönchengladbach]

Bastian Schweinsteiger riss die Augen auf und hatte ein Bedürfnis. Er lief über das halbe Fußballfeld hin zu jenem Teil der Seitenlinie, hinter der sich der stattliche Rest der deutschen Nationalmannschaft zum Beifallklatschen aufgereiht hatte. Schweinsteiger hatte soeben mit einem straffen Freistoßschuss das 2:0 erzielt. Und jetzt suchten diese Augen nach Oliver Kahn. Der stand ganz am Ende der Menschenkette und feixte bloß. Schweinsteiger steuerte ihn an und knuddelte ihn, jedenfalls so, wie man Oliver Kahn knuddeln kann. Es war ein schönes Bild. Den Grund für diese eigenwillige Prozedur reichte der Torschütze später nach. „Diese Schüsse habe ich mit dem Olli bestimmt hundert Mal geübt. Er hat zu mir gesagt: Schieß den, trau’ dich! Und jetzt habe ich mich bedankt.“

Sollte die deutsche Mannschaft tatsächlich eine erfolgreiche Weltmeisterschaft spielen, dann könnte man an dieses Bild zurückdenken. Dieses Bild stünde für jenen Punkt, an dem alles seinen Anfang nahm. Dieses Bild, wie ein 21 Jahre alter Stammspieler einen 15 Jahre älteren Ersatzspieler in die Arme schließt, stünde für das, was die deutsche Mannschaft so kurz vor der WM ausstrahlt: nämlich Mut, Kreativität, Teamgeist und Dankbarkeit. Denn niemand würde einwerfen, die Kolumbianer hätten dem Freistoßschützen nur eine lächerliche Zwei-Mann-Mauer entgegengestellt. Selbst wenn als gesichert gilt, dass sich kein Gegner bei der WM eine solche Naivität erlauben wird, dieses Bild gibt eine Woche vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica eine gute Portion Hoffnung. „Unser Wunsch war es, die intensive Vorbereitung positiv abzuschließen und uns Selbstvertrauen zu holen“, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Jetzt könne sein Team „mit breiter Brust“ ins Turnier gehen: „Wir sind hungrig, und wir werden hungrig bleiben, denn wir wollen möglichst lange dabei- bleiben.“

Aus dem Munde des Positiv-Rhetorikers sind solche Töne nicht neu, wohl aber, wenn sie einer wie der kritisch-distanzierte Dortmunder Christoph Metzelder – zugegeben mit einem Schuss zu viel Pathos in der Stimme – aufgreift. „Es gibt Anlass, für die nächsten Tage recht optimistisch zu sein“, sagte er. Tatsächlich ist sowohl die jüngste Entwicklung Schweinsteigers, der mit einem Freistoß auch die Führung durch Michael Ballack vorbereitet hatte, als auch die des Rückkehrers Metzelder beispielhaft für diese Mannschaft. Und sie ist ein Verdienst der Arbeit des Bundestrainers samt seinem Assistenten Joachim Löw. Ob die Arbeit des Trainergespanns ausreichen wird, das Projekt 2006 zu einem erfreulichen Ende zu bringen, ist zwar ungewiss, aber die beiden Mittvierziger haben es geschafft, dass jeder Spieler seine persönliche Bestform erreichen kann. Man könnte auch sagen, dass ihr Tun genau diesem Ziel diente und Methode war: Versetze jeden Einzelnen in die Lage, seine Bestform zu erreichen, dann wird auch das Ganze Bestform bieten können.

„Für jeden hier gibt es eine andere persönliche Situation als im Verein“, sagte der Bundestrainer. Die Spieler bekämen viel Vertrauen, weil sie es bräuchten. „Bei uns können sie sich Fehler erlauben“, sagte Klinsmann, „denn das gehört zu ihrer Entwicklung dazu. Aber sie müssen sich zerreißen.“ Ähnliches gilt für Metzelder, der nach einer schweren Verletzung in seinem Verein „eine ganz schwierige Phase durchstehen musste“, wie er sagte. Das Vertrauen des Bundestrainers aber, der ständig Kontakt hielt, hätte ihn angespornt und ihm Energie verliehen.

Im Fall Schweinsteiger klappte das schon einmal beim Confed-Cup. Anders als im Verein genoss der Nationalspieler Schweinsteiger die Rückendeckung des Trainers und spielte im vergangenen Sommer groß auf. Kaum zurück in der Bundesliga, spielte er für seinen Münchner Klubtrainer Felix Magath nur noch die Rolle eines so genannten Ergänzungsspielers. Der Aufenthalt bei der Nationalmannschaft tut ihm sichtbar gut. „Bei uns hat er sich immer gesteigert“, sagte Löw, „jetzt hoffen wir, dass er diesen Stand halten kann.“

Vieles, was Klinsmann und Löw in der 18-tägigen WM-Vorbereitung unternahmen, ist den Erkenntnissen und Erfahrungen des Confed-Cups entlehnt. Und wenn dann die Mannschaft eine Balance findet zwischen offensiver Spielfreude und einer hohen defensiven Organisation, kann sie beachtlichen Erfolg haben. Wie im Sommer 2005. Personell hat sich ihr Gesicht seit dem Confed-Cup kaum verändert. Die Mannschaft, die beim 3:0-Sieg über Kolumbien in Mönchengladbach auflief und für den WM-Start als gesetzt gilt, lief zwar so das erste Mal gemeinsam auf, aber das auch nur, weil Metzelder und Philipp Lahm beinahe ein Jahr verletzt ausfielen. Lahm, so hatte der Bundestrainer stets betont, galt für die WM-Elf als gesetzt. Über Metzelder dachte er ähnlich.

Daraus aber zu schließen, das Jahr zwischen Confed-Cup und WM sei ein verschenktes, wäre nicht ganz zulässig. Von Tim Borowski, Oliver Neuville und Marcell Jansen, die jeweils als erster Ersatz für Mittelfeld, Angriff und Verteidigung gelten, war damals nicht mehr oder noch nicht die Rede. Von Oliver Kahns neuer Rolle als Knuddelbolzen an der Außenlinie mal ganz zu schweigen.

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