Sport : Das Gehirn des Boots

Steuermann, Stratege, Navigator: Die Afterguard plant die Segelmanöver

Klaus Raab

Berlin - Draußen auf dem Wannsee weht leichter Wind, drinnen im Seglerhaus bastelt sich Michael Müller seinen eigenen. Michael Müllers Wind ist, für Anschauungszwecke, der Zuckerstreuer. Sein Boot ist das Salz. Das gegnerische Boot der Pfeffer. Michael Müller segelt im United Internet Team, das an dem Berlin Match Race auf dem Wannsee teilnimmt, und er versucht, in einfachen Worten zu erklären, was während eines Rennens geschieht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass das nicht leicht ist. So behilft er sich mit allem, was auf dem Tisch steht: Zucker-, Salz- und Pfefferstreuer. Seine Kollegen Lutz Patrunky und Michael Hestbaek wählen andere Strategien: Patrunky benutzt den Speisenbestellblock des Seglerhauses am Wannsee und einen schwarzen Kugelschreiber für seine Erklärungen. Hestbaek versucht es ohne Hilfsmittel.

Das United Internet Team Germany startet beim Match Race für Dreimann-Teams auf dem Wannsee, dessen Finale heute ab 13 Uhr stattfindet. Im Halbfinale ab 10 Uhr trifft die Crew auf die des Dänen Björn Hansen. Im zweiten Halbfinale segeln die deutschen Teams um Jochen Schümann und Markus Wieser. Die zwei Boote segeln jeweils gegeneinander. Müller ist der Vorschiffsmann, Hestbaek Steuermann, mit ihnen auf dem Boot ist Jesper Feldt. Patrunky ist der Coach. 2007 wird United Internet als erste deutsche Mannschaft beim America’s Cup segeln – mit 17 Mitgliedern. „Der Steuermann fällt in diesem Team die letzte Entscheidung“, sagt Patrunky. Der Steuermann ist in seiner Zeichnung ein dick umrandeter Kreis in der Bootsmitte. Der Stratege ist ein Kreis vor ihm. Er „beobachtet die großräumigen Entwicklungen“ des Wetters, jedes Kräuseln des Wassers. „Er muss das Wasser lesen können“, sagt Patrunky. Der Navigator sitzt am Computer und liest die Geschwindigkeit des Gegners, Windwinkel und -stärke ab. Der vierte Mann ist der Taktiker. Er beobachtet das gegnerische Boot, versucht, dessen nächste Aktionen zu ahnen, und empfiehlt Kursänderungen.

„Diese vier bilden zusammen die Afterguard“, sagt Patrunky, „das Gehirn des Boots.“ Daten und Analysen fließen wie über feine Nerven zum Steuermann. Auf Patrunkys Zeichnung besteht die Afterguard aus Kreisen hinter dem Mast, die durch Pfeile verbunden sind. In dieser Kommandozentrale wird das Vorgehen bestimmt. Das geht so schnell, dass der Steuermann sich während des Rennens nicht einmal umdrehen kann, um keine Zeit zu verlieren. Es gibt Standardzüge und überraschende Manöver wie beim Schach. Sie ergeben sich aus Windrichtung und -stärke, den Strategien der Konkurrenz und dem Rennen selbst.

Die Boote fahren im 45-Grad-Winkel zum Wind, „weil es nicht möglich ist, direkt gegen den Wind zu fahren“. Daher, sagt Michael Müller, den Salz- und den Pfefferstreuer hin- und herschiebend, „gibt es ständige Wendemanöver“. Dabei können sich die Teams Vorteile verschaffen. Wer nach dem Start in Führung liegt, hat den Vorteil, das gegnerische Boot in den Windschatten stellen zu können. Ohne Wind kann es keine Geschwindigkeit aufnehmen. Es versucht daher, aus dem Windschatten zu kommen und sich eine günstige Position für die Wende an den Tonnen zu erarbeiten. Liegt ein Boot hinten, aber näher zur Wendetonne, weil es innen fährt, hat es – so sind die Regeln – Vorfahrt vor dem führenden Boot.

Jochen Schümann, dreimaliger Olympiasieger, Sportdirektor des Schweizer Teams Alinghi, das 2003 den America’s Cup gewann, und fünfmaliger Gewinner des Berlin Match Race auf dem Wannsee, wird später gefragt, ob Segeln das Zeug zum Breitensport habe. Er antwortet: „Segeln ist in der Öffentlichkeit nicht so präsent, weil es schwer erklärbar ist.“

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