Sport : Das Generationenduell

Bei den Schwimm-Meisterschaften wird erbittert um Olympiaplätze gekämpft

Frank Bachner

Berlin - Inzwischen nimmt Horst Melzer die Entschuldigungen routiniert zur Kenntnis. „Stehe im Stau, komme etwas später zum Training“, hat Mark Warnecke dann gesagt, und Melzer brummt irgendwas oder sagt nur „o.k.“ Bei den ersten Anrufen Warneckes hatte Melzer noch gedacht, er hätte einen Hörschaden. Denn früher tauchte der Weltklasseschwimmer Warnecke gar nicht auf, oder er schlenderte unentschuldigt zu spät in die Schwimmhalle. Mit der Zeit kannte er alle Schattierungen von Melzers zornrotem Gesicht. Aber jetzt sagt der Trainer des 34-Jährigen: „Der Mark ist seit Monaten sehr diszipliniert, er will es wirklich noch mal wissen.“ Er will vor allem wissen, ob er als erster Schwimmer der Welt zum fünften Mal bei Olympischen Spielen starten darf. Der Olympiadritte von 1996 ist jetzt 34, er ist Arzt und sucht die letzte Herausforderung. Dafür muss er sich allerdings bei den deutschen Meisterschaften im Schwimmen in Berlin über 100 m Brust qualifizieren. Zehn Kilogramm hat der Essener abgespeckt.

Doch Berlin 2004 ist nicht nur für Warnecke Teil der letzten sportlichen Herausforderung. Am 13. August beginnen die Olympischen Spiele, und Stars wie Franziska van Almsick, Sandra Völker oder Thomas Rupprath wollen Athen als letzte große Bühne. Andererseits drängen hungrige Talente nach. Auch sie haben Athen vor Augen. Im 50-m-Becken findet deshalb ein besonderer Generationenkonflikt statt. Chefbundestrainer Ralf Beckmann verkündet sogar: „Es könnte sein, dass Berlin das höchste Niveau bringen wird, das wir je hatten – gemessen an der Leistungsdichte und -breite in den Finalläufen.“ So ein Spruch kommt zwar vor jeder zweiten Meisterschaft, aber Spannung ist zweifellos da.

Franziska van Almsick startet zwar auf vier Strecken, aber für sie zählt in Wirklichkeit nur eine Disziplin: 200 m Freistil. Dort hält sie den Weltrekord, dort will sie Olympiagold. Britta Steffen, die 20-Jährige, die mit van Almsick trainiert, ist über 200 m Freistil nicht wirklich eine Gefahr für die zweimalige Weltmeisterin, aber sie sorgt dafür, dass van Almsick täglich und auch bei den Titelkämpfen gefordert ist. Thomas Rupprath dürfte die 100 m und die 200 m Schmetterling beherrschen, aber über 100 m Rücken wird er sich mit Titelverteidiger Steffen Driesen ein hartes Duell liefern. Und Sandra Völker konzentriert sich auf die 50 und die 100 m Freistil. Für sie ist Berlin ein besonderer Test: Wie hat sie den zweimaligen Trainerwechsel innerhalb eines Jahres verkraftet?

Teresea Rohmann (16), Daniela Götz (16), Helge Meeuw (19) und Marco di Carli (19) sind die jungen Wilden, die versuchen, die Stars anzugreifen. Es geht in Berlin ja nicht bloß um Titel, es geht für viele auch um die Qualifikation für einen der medaillenträchtigen Staffelplätze im Olympiakader.

Und für Mark Warnecke geht es auch um Rehabilitierung. Bei der EM in Madrid schob er seinen durchtrainierten Körper so langsam durchs Wasser, dass er vier Sekunden über seiner Bestzeit blieb. Er hatte keine Erklärung für diesen abenteuerlichen Auftritt. Er kannte nur das Ergebnis: Vorlaufletzter.

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