Sport : Das Gewinnspiel

Der FC Bayern München kann in Madrid nur profitieren – sportlich wie wirtschaftlich

Daniel Pontzen

München. Der Mond schien hell ins Olympiastadion, als aus erwachsenen Männern kleine Jungs wurden. Das Hinspiel zwischen Bayern München und Real Madrid war bald eine Stunde abgepfiffen, als die Spieler der Gästemannschaft im feinen Anzug aus der Kabine traten. Während sie Richtung Mannschaftsbus hasteten, nutzten einige Stadionbedienstete und Journalisten entschlossen die Gunst des Augenblicks. Sie eskortierten die Real-Stars über die Tartanbahn, sie hatten nun keine Funk- und Diktiergeräte mehr in der Hand, sondern Digitalkameras, und einer nach dem anderen erzwang ein Erinnerungsfoto mit David Beckham, Luis Figo und Zinedine Zidane. Andere baten um ein Autogramm.

Heute findet in Madrid das Rückspiel statt (20.45 Uhr, live in Sat 1), und noch mag niemand sich vorstellen, dass nach dem Abpfiff spanische Reporter Jens Jeremies oder Oliver Kahn am Ärmel zupfen, um sie zu einem gemeinsamen Foto aufzufordern. Die Rollen der Megastars sind für die Angestellten Reals reserviert. Das wird sich auch dann nicht ändern, wenn Bayern heute gewinnen und ins Viertelfinale der Champions League einziehen sollte.

Erst zwei Wochen sind seit dem Hinspiel vergangen, und doch hat sich so viel verändert. Die Zuversicht der Bayern zum Beispiel, die vor dem Spiel in München nur in Spurenelementen vorhanden war. Die Leistung gegen die Superstars aus Madrid hat den Glauben genährt, dass auch die Bayern eine starke Mannschaft haben. Seit dem Hinspiel haben die Münchner drei Bundesligaspiele bestritten – und alle drei gewonnen. Inzwischen klingen die öffentlichen Worte gar nicht mehr nach dem üblichen Zweckoptimismus eines Außenseiters. „Ich spüre, dass die Mannschaft im Moment sehr konzentriert arbeitet“, hat Manager Uli Hoeneß beobachtet. Wie motiviert jeder einzelne Spieler ist, das kleine Wunder zu schaffen, zeigt sich am Beispiel der beiden französischen Außenverteidiger. Willy Sagnol hat sich in seinen gebrochenen Unterarm eine Platte mit fünf Schrauben einsetzen lassen und sagt, er müsse „im Kopf stark sein“. Er wird heute spielen können. Gleiches gilt für Bixente Lizarazu, der einen rekordverdächtigen Heilungsprozess seines im Hinspiel erlittenen Muskelfaserrisses erzwungen hat. „Er hat jeden Tag zehn bis zwölf Stunden gearbeitet, um dabei zu sein“, sagt Hoeneß. Die Stimmung der Münchner ist derart von Optimismus geprägt, dass sogar Oliver Kahn trotz seines Fehlgriffs im Hinspiel unwidersprochen verkünden konnte: „Ich weiß, was ich kann. Ich bin super drauf.“ Und der sonst wortkarge Zé Roberto teilte mit, dass „wir sehr gute Chancen haben“.

Wirtschaftlich kann die Reise nach Madrid die Erwartungen sowieso nur übertreffen. Schon jetzt hat die FC Bayern AG „drei bis vier Millionen Euro mehr eingenommen als geplant“, sagt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. In der Kalkulation findet nur die Vorrunde Erwähnung. Nach der Winterpause wird der Wettbewerb zum Bonusgeschäft. Für die überstandene Vorrunde überweist allein der europäische Fußball-Verband Uefa 6,6 Millionen Euro an die Münchner. „Und die großen Schübe kommen erst, wenn wir das Viertel-, Halb- oder sogar das Finale erreichen sollten“, sagt Rummenigge. Dass sie sich überhaupt damit beschäftigen, schien noch vor zwei Wochen so gut wie unmöglich.

Das Weiterkommen würde dem FC Bayern „einen großen Schub geben“, sagt Rummenigge. „Das wäre nach dem Vorrunden-Aus der letzten Saison sehr wichtig.“ Wichtig wäre es schon, aber ein Muss ist es wohl nicht. Gegen keinen anderen Gegner wäre das Ausscheiden so verzeihlich wie gegen Real. Als die Münchner zu ihrer Reise nach Spanien aufbrachen, war von Anspannung relativ wenig zu sehen. Gelassen, fast ausgelassen liefen die Spieler am Flughafen die Gangway hoch. Als wüssten sie, dass sie gar nicht verlieren können.

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