Sport : Das Gleichgewicht verlässt Hertha

Beim Generationswechsel zur kommenden Saison büßen die Berliner ihr komplettes Führungspersonal ein

Michael Rosentritt

Berlin. Noch zu Beginn dieses Jahres hatte Dieter Hoeneß davon gesprochen, dass der Generationswechsel bei Hertha BSC „weder reibungs- noch geräuschlos vonstatten geht“. Gut vier Monate später darf der Berliner Manager sich in seiner Annahme bestätigt fühlen. Aber gern hätte ausschließlich Hoeneß auch noch Anstellungsdauer und Preise seines kickenden Personals diktiert. Stefan Beinlich, Mitglied des Mannschaftsrates und stellvertretender Mannschaftskapitän, ist ihm zuvorgekommen. Er wird Hertha im Sommer verlassen. Und das war so eigentlich nicht geplant.

Kritiker meinen, Hoeneß habe sich zu sicher gefühlt mit seinem Argument, die Kirch-Krise, die zwar auch den Vereinen finanzielle Einbußen beschert, würde vor allem die übertriebenen Gehälter der Branche regulieren. Die Verhandlungsposition der Vereine habe sich verbessert. „Jetzt sind wieder andere Werte entscheidend. Das ist ein Lernprozess für die Spieler“, hatte Hoeneß gesagt. Und so ging der Manager reichlich spät in die ersten Gesprächsrunden. Gehaltsabschläge von bis zu 20 Prozent hielt Hoeneß für möglich. So verlängerte Hertha in einem ersten Schritt Mitte Februar die auslaufenden Verträge mit Spielern wie Marko Rehmer, Michael Hartmann, Andreas Schmidt und Ersatztorwart Christian Fiedler – zu reduzierten Bezügen. In der zweiten Phase wurde René Tretschok, Rob Maas und Nené mitgeteilt, dass sie gehen können. Vor zwei Wochen wurde ein erstes Gespräch mit Dick van Burik geführt, und in gut einer Woche, ganze vier Wochen vor dem Saisonende, sollte eine erste Runde mit Beinlich stattfinden.

Allein der zeitliche Rahmenplan verwunderte viele Beobachter. Van Burik und Beinlich zählten bisher zu den stabilisierenden Faktoren des Teams, die sich einer hohen Wertschätzung der Mitspieler sicher sein konnten. Zusammen mit Kapitän Michael Preetz und Eyjölfur Sverrisson verliehen sie der Mannschaft Gesicht und Stimme. Preetz und Sverrisson scheiden im Sommer altersbedingt aus. Gerät die Mannschaft nun aus dem Gleichgewicht?

In Stefan Beinlich verliert Hertha nicht nur einen wichtigen Kopf, sondern eine Integrationsfigur und einen Sympathieträger. Beinlich war wie Preetz eine zentrale Figur im Gebilde Hertha BSC. Zudem stammt er aus dem Ostteil der Stadt und zog vor allem Menschen aus dem Umland Berlins ins Stadion. Die Hälfte aller Besucher des Olympiastadions zu Spielen von Hertha BSC komme heute aus Brandenburg.

„Ja, wir nehmen in Kauf, dass der Spieler Beinlich den Verein wechselt.“ So antwortete Hoeneß vor wenigen Wochen auf die Frage, ob es denn nicht an der Zeit wäre, mit einem Mann wie Beinlich ein Vertragsgespräch zu führen. Hoeneß setzte offenbar auf den Faktor Zeit, um den Faktor Gehalt kräftig drücken zu können. Beinlich war mit rund 2,2 Millionen Euro einer der bestbezahlten Berliner Profis. Und: Er war der erste namhafte Spieler, der es nach Bekanntwerden der Kirch-Krise „für vorstellbar“ hielt, „unter bestimmten Umständen auf einen Teil meines Gehaltes zu verzichten“. Auf eine respektvolle Behandlung aber mochte er nicht verzichten.

Die Hierarchie innerhalb der Mannschaft wird sich verschieben. Noch ist nicht abzusehen, wer nach dieser Kräfteverlagerung künftig das Sagen haben wird. Die jungen Spieler können die Mannschaft noch nicht führen. Einige ausländische Profis, vor allem die Brasilianer, bewegen sich am Rande des Teams oder aber haben intern nichts zu sagen. Die Spieler, die vom Alter her dafür in Frage kommen und mit denen der Verein eine Weiterbeschäftigung vereinbarte, taugen nur bedingt für eine solche Rolle. Schmidt, Hartmann, Dardai oder Kiraly verfügen über andere Qualitäten.

Selbst für Arne Friedrich, dem am ehesten ein Sprung in der mannschaftsinternen Hierarchie zugetraut werden kann, fehlt es noch an Ausstrahlung, Sicherheit und Souveränität. Ähnliches gilt für Josip Simunic, den australischen Abwehrstrategen mit dem kroatischen Pass. Sein Auftreten beim zurückliegenden Uefa-Cup-Rückspiel in Porto legt jedenfalls nahe, dass er noch einiges dazuzulernen hat. Er verließ nach einer Kampfeinlage mit einem Gegenspieler den Rasen mit ausgestrecktem Mittelfinger.

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