Sport : Das Glück des Augenblicks

Sebastian Deislers Rückkehr nach 262 Tagen rührt sogar den Gegner

Daniel Pontzen

Berlin . Geschichte wiederholt sich nicht, das war eine der kleineren Botschaften des Abends. Für einen Treffer reichte es diesmal nicht beim Comeback des Sebastian Deisler, so wie im Mai des vergangenen Jahres, als er nach langer Verletzungspause ins Nationalteam zurückkehrte und gleich ins Tor traf. Doch auch ohne spielerische Glanzlichter überstrahlte der kurze Auftritt des ehemaligen Herthaners alles, was sich sonst zutrug an diesem verschneiten Abend im Münchner Olympiastadion, etwa das 8:0 des FC Bayern München gegen den Zweitliga-Spitzenreiter 1. FC Köln im Viertelfinale um den DFB-Pokal.

Es muss ein besonderer Augenblick gewesen sein. Oliver Kahn, ein Mensch, in dessen Leben sentimentale Regungen gewöhnlich nicht vorgesehen scheinen, sprach von einem „bewegenden Moment“. Es steckte tatsächlich ein Ereignis in dieser Minute, als die Journalisten die Uhrzeit verglichen, 22.03 Uhr notierten und gemeinsam mit den restlichen 13 000 Versammelten zu Zeugen der Rückkehr Sebastian Deislers wurden. „Unbeschreiblich“, beschrieb Deisler später die Minuten, als er an der Linie auf seine Einwechslung wartete, ehe sein Kollege Zé Roberto in der 76. Minute auf ihn zulief und ihn so aufmunternd umarmte, als gelte es für Deisler, das Spiel herumzureißen. Selbst Gegenspieler applaudierten, und kurze Zeit sah es so aus, als müsste sich Deisler zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen.

262 Tage hatte der 23-Jährige auf diesen Moment gewartet, und auch nach dem Abpfiff schien er ergriffen vom plötzlichen Ende der Leidenszeit. „Ich bin überglücklich“, sagte Deisler nach seinem ersten Auftritt im Trikot der Bayern und er rief feierlich „das Ende der vielen Zweifel“ aus. Der Einsatz, der nur zu Stande gekommen war, weil sich Michael Ballack mittags mit Grippe abgemeldet hatte, rührte auch andere. DFB- Teamchef Rudi Völler etwa sagte, er habe sich „riesig gefreut“ und lobte: „Basti macht körperlich einen sehr guten Eindruck.“

Alle stimmten ein in die Ode auf den Jungstar, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge versicherte, „wir sind alle froh und glücklich, dass Sebastian zurück ist“. Trainer Ottmar Hitzfeld wollte gar einige Szenen gesehen haben, „in denen Sebastian hat aufblitzen lassen, welch großartiger Spieler er ist.“ Egal, ob die Wahrnehmung der wenigen Minuten, in denen Deisler kaum ein Dutzend Mal den Ball berührt hatte, ein wenig von der großen Erleichterung getrübt wurde – Deislers Premiere degradierte alles weitere zu Belanglosigkeiten: die höchste Pflichtspiel-Niederlage der Kölner aller Zeiten, die Rückmeldung Giovane Elbers mit drei Toren, die doppelte Tor-Premiere von Bastian Schweinsteiger.

Dennoch war es nicht mehr als eine weitere kleine Annäherung an das, was sie sich beim FC Bayern von Deisler erhoffen. „Nach so langer Zeit war es heute ein Fortschritt, aber was jetzt kommt, steht alles in den Sternen“, sagte Deisler. Immerhin habe er nach dem Kurzeinsatz „keinerlei Probleme“.

„Man darf nicht zu forciert an die Sache rangehen“, mahnte Rummenigge. Hitzfeld will kein überhöhtes Risiko eingehen. „Ich werde ihn weiter genau beobachten. Dann wird man sehen, wann er wieder länger spielt.“ Den Sicherheitsabstand, den ihm die Kölner höflich gewährten, kann Deisler in der Liga nicht erwarten. Doch Hitzfeld versicherte, Deisler sei schon jetzt voll zweikampftauglich, schließlich gehe es „bei uns im Training genauso hart zur Sache wie bei einem Bundesliga-Spiel“.

Ein kleines persönliches Erfolgserlebnis hatte Deisler bereits gegen Köln. Punktgenau zwirbelte er die Ecke zum 8:0 in den Strafraum, Willy Sagnol vollendete brav, sodass Statistiker sogar einen Scorer-Punkt für Deisler notieren durften. Es war sein erster Eintrag in dieser Kategorie seit dem 29. September des vorvergangenen Jahres. Damals traf Deisler per Elfmeter, der Gegner hieß Köln, wie diesmal. Im Spiel darauf verletzte sich Deisler in Hamburg, die Leidenszeit begann. Am Sonntag kommt der HSV ins Olympiastadion. Vermutlich kann Deisler beruhigt sein. Geschichte wiederholt sich nicht, im Allgemeinen.

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