Sport : Das Gras wachsen lassen

Marokko glaubt an den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft

Claus-Peter Josten

Casablanca. Ausgerechnet „Twin Center“ heißt einer der modernsten innerstädtischen Orte Nordafrikas im Zentrum von Casablanca. Gegenüber hat gerade erst der spanische Textilmulti „Zara“ in einem postmodernen Glas- und Betonpalast eröffnet. Zwischen den Türmen des Centers führen Treppenstufen in den Himmel.

Auf diesen Stufen werden am nächsten Sonntag 365 Jugendliche aus den Vorstädten des Landes eine Schweigeminute halten. Sie werden wie Hunderttausende Marokkaner im ganzen Land des ersten großen Terror-Anschlages gedenken, der vor genau einem Jahr die Nation in einen Schockzustand versetzt hatte. Es könnte aber auch sein, dass dieser Gedenktag von einem ganz anderen Ereignis überstrahlt wird.

Denn am Samstag davor wird in Zürich das Exekutiv-Komitee der Fifa über die Vergabe der Fußball-WM 2010 entscheiden. Sollte Außenseiter Marokko das Rennen noch auf den letzten Metern für sich entscheiden, wird das Land in einem Freudentaumel versinken. Einen Vorgeschmack darauf hatte es im Februar gegeben, als die „Löwen vom Atlas“ nach dem verlorenen Endspiel des Afrikacups in Tunesien von ihren Landsleuten wie die Sieger gefeiert wurden.

Es war der Beginn einer Aufholjagd. Favorit ist aber nach wie vor Südafrika, das von der Inspektorengruppe der Fifa auf Platz eins ihrer Liste gesetzt wurde. Die Inspektoren bescheinigten dem Land „das Potenzial, eine großartige WM auszurichten“. Auf Platz zwei folgt Ägypten, Marokko liegt auf Rang drei. Libyen ist Vierter.

Vor vier Jahren gab es einen ähnlichen Bewerbungs-Krimi in Zürich, den Deutschland mit allen erdenklichen Mitteln und persönlichem Einsatz von Franz Beckenbauer bis zu Bundeskanzler Gerhard Schröder in letzter Minute für sich entschied. Am Ende des Rennens um die WM 2006 stand damals ein großes Versprechen vor allem seitens der Deutschen – an Südafrika.

Bei seiner vierten Kandidatur in Folge verlässt sich Marokko ganz auf seine Professionalität und ein Dossier, das in Zürich in einer Hinsicht seines gleichen sucht: Die Regierung hat 140 Millionen Euro bei einer Schweizer Bank hinterlegt, mit denen das Königreich Marokko für das höchste anzunehmende Defizit der Veranstaltung aufkommen würde. Finanziell steht das Scherifat damit an der Spitze der Bewerber.

Marokko ist mit seinen Vorbereitungen zwar noch nicht so weit wie Südafrika, aber fünf der acht Stadien sind bereits renoviert. Vor dem globalen Terror ist auch die Sicherheitsfrage überall unabsehbar. Im Zweifelsfall rangiert in Marokko die Sicherheit traditionell vor der Freiheit. Mit den Attentaten von Casablanca hat sich die Situation wieder verschärft gegenüber der vergleichsweise weitgehenden Liberalisierung unter dem jungen König Mohamed VI seit 1999. Die Organisatoren für die WM 2010 verweisen darauf, dass schon die Franzosen bei der WM 1998 auf die Erfahrung marokkanischer Sicherheitskräfte zurückgegriffen hätten.

Die Stadionneubauten etwa in Marrakesch und Fès zeigen bereits heute, wozu die Marokkaner in der Lage sind. Immer noch herrscht allerdings in deutschen Fußballkreisen die Ansicht, die Franz Beckenbauer von einer Marokkoreise vor sechs Jahren mitgebracht hat: die Marokkaner würden es nicht schaffen, das Gras wachsen zu lassen. So war Südafrika ziemlich gelassen, nachdem sich auch Kanzler Schröder für die Bewerbung vom Kap ausgesprochen hatte.

Fifa-Präsident Sepp Blatter ist zwar für Südafrika, aber sein Berater und möglicher Nachfolger Michel Platini bevorzugt Marokko und hat angeblich schon eine stattliche Anzahl der 24 Stimmen dafür gewonnen. Das Rennen scheint bis zuletzt offen, und deshalb wird auch Marokko bei der abschließenden Präsentation nichts unversucht lassen. Vielleicht wird sogar Zinedine Zidane für Marokko auftreten.

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