Sport : Das große Erschrecken vor dem bösen Erwachen

Schwimm-Bundestrainer Lange verteidigt die hohen WM-Normen bei den deutschen Meisterschaften

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Berlin - Seinen letzten großen öffentlichen Auftritt absolvierte Paul Biedermann mit einer schwarzen Pudelmütze. Um den Hals hatte er sich noch einen Schal gewickelt, die Hände steckten in Handschuhen, den muskulösen Körper umhüllte ein Mantel. Der Schwimm-Weltrekordler Biedermann stand als Pate einer Stadtwette bei „Wetten, dass...“ vor den Kameras und fror entsetzlich.

Das war im Januar. Seine nächsten öffentlich interessanten Auftritte absolviert er von heute an. In der Berliner Schwimmhalle an der Landsberger Allee genau gesagt. Dort tritt der Doppel-Weltmeister bei den deutschen Meisterschaften als klarer Favorit auf die Startblöcke. „Für ihn ist das, bei allem Respekt, ja doch mehr eine Vorbereitung auf die WM“, sagt Bundestrainer Dirk Lange. Die WM findet im Juli in Shanghai statt.

Andere Athleten gehen weniger locker ins Wasser. Sie betrachten die WM-Normen nicht bloß als statistische Größe wie Biedermann, sie empfinden die Vorgaben als Problem. Die Normen orientieren sich an Rang elf der bereinigten Weltrangliste, im Klartext: In acht Einzel-Strecken muss man deutschen Rekord schwimmen, sonst kann man sich Shanghai vor dem Fernseher ansehen. Zu hart, sagt Biedermann. Er hätte gerne weichere Normen und eine Sonderregelung für die Talente. „Sonst verbauen wir dem Nachwuchs ein bisschen den Weg.“

Falsch, erwidert Lange, der verbaue sich sonst selber den Weg. „Wenn man sagt, die Talente werden von den Normen verprellt, sage ich, die Talente werden von der Realität verprellt.“ Die Realität, das ist für Lange der schlichte Umstand, „dass der Weltsport die Geschwindigkeit vorgibt“. Realität sind auch die Zielvorgaben für die Olympischen Spiele 2012. Vier bis fünf Medaillen sollen Langes Schwimmer in London holen, Punkt. Das hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) festgelegt.

Lange wehrt sich nicht dagegen, das sagt er jedenfalls. „Wenn wir 2011 den Kontakt zur Weltspitze verlieren, wird es 2012 problematisch.“ Also bemüht er sich gerade, seinen Talenten die Regeln an der Weltspitze beizubringen. „Sport ist erbarmungslos“, sagt Lange. „International weht ein rauer Wind.“ Und dass es immer weniger Jugendliche gibt, „die das teilweise barbarische Training auf sich nehmen“, das nimmt er hin wie Wind und Wetter. Er kann’s nicht ändern. „Die Zeiten, in denen wir mit großen Mannschaften zu Top-Ereignissen gefahren sind, die sind vorbei.“

Im Grunde genommen geht es um einen Glaubenskrieg. Überfordern die Normen die Einzelnen oder sind viele Talente nicht hart genug gegenüber sich selbst? Die Diskussionen um zu hohe Normen ist uralt, sie taucht regelmäßig vor größeren internationalen Wettkämpfen auf. Und für Lange gibt es bei der Wettkampf- und Trainingshärte immer noch Reserven.

Und wenn er jetzt die Normen aufweichte, dann hätte er schon das nächste Problem vorbereitet. „Die hohen Normen dienen ja auch dem Selbstschutz der Athleten. Wenn wir runtergehen würden, könnten die Athleten sagen: Wir können weniger tun, wir kommen trotzdem mit.“ Und dann? „Dann kommt 2012 das große Erwachen. Da nominiert der DOSB.“ Und der zieht die harte Linie durch.

Britta Steffen, die Doppel-Olympiasiegerin, die stört diese Diskussion eher wenig. Die konzentriert sich wie ihr Freund Biedermann auf die WM. Lange hat sie vor kurzem im Training gesehen. Um sie muss er sich keine Gedanken machen. „Sie wirkt sehr selbstbewusst.“

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