Sport : Das große Freistil-Ringen

Verzicht von Starschwimmerin Britta Steffen auf Staffel-Einsatz in Peking erzeugt harte Kritik

Frank Bachner

Berlin - Ein achtjähriges Mädchen wippt auf dem Ein-Meter-Brett, drückt sich ab und wirbelt dann durch die Luft ins Wasser. Ein paar Meter weiter links rotiert ein Jugendlicher von der Zehn-Meter-Plattform. Es ist Mittagspause bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee, ein paar Kunstspringer trainieren am Springerbecken, es ist die Kulisse, vor der Örjan Madsen erklärt, wo seine Grenzen sind. „Ich kann Britta nicht zwingen“, sagt der Cheftrainer der deutschen Schwimmer. Er kann sie ja nicht mit Drohungen zu einem Einsatz in der 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel bei Olympia drängen. Der früheren 100-Meter-Freistil-Weltrekordlerin Steffen sind Staffelrennen und 100-Meter-Freistil-Einzelrennen innerhalb von zwei Tagen zu viel.

Klingt einfach und verständlich. Doch hier ist nichts einfach. Annika Lurz, die Deutsche Meisterin über 200 Meter Freistil, sagt: „Ich finde es inzwischen fast eine Frechheit.“ Es nützt wenig, dass Steffen gestern erzählte: „Ich habe im Training das Peking-Programm simuliert, ich habe mich nicht wohlgefühlt, ich hatte schlechte Zeiten.“ Schon bei der WM 2007, hatte ihr Trainer Norbert Warnatzsch mitgeteilt, habe sie ähnliche Erfahrungen gemacht. Und die 100 Meter Freistil gehen vor. Britta Steffen will Einzel-Gold in Peking. „Ich bin keine Maschine“, sagte sie der Deutschen Presseagentur. Doch „egal, was ich jetzt tue, es ist sowieso falsch“, fügte sie noch resigniert an. Heute startet sie über 100 Meter Freistil, eine schöne Einstimmung auf das Rennen ist das alles.

Es geht ja nicht bloß allein um den Verzicht, es geht auch um die offenen Fragen, die damit zusammenhängen. Ist die Wettkampfbelastung wirklich zu hoch? Manfred Thiesmann, der Bundestrainer, sagt lakonisch: „Auf der ganzen Welt verkraften Spitzenschwimmer so ein Programm. Warum soll das bei uns anders sein?“ Und Stefan Lurz, der Trainer und Ehemann von Annika Lurz, knurrt: „Wer Olympiasieger werden will, der muss so gut trainiert sein, dass er so etwas wegstecken kann.“ Bei den USA „wäre so ein Verhalten völlig undenkbar“. Und warum fällt Steffen so spät ein, dass ihr das alles zu viel ist? Sie hätte ja gar nicht für die 200 Meter Freistil melden müssen. Meldeschluss war der 7. April, zu dem Zeitpunkt war sie noch zu einem Start bereit. Am Samstag wurde ihr Verzicht öffentlich. „Wir waren alle überrascht. Das Olympiaprogramm ist ja nun wirklich nicht neu“, sagt Thiesmann. Er kann sich „auch nicht daran erinnern, dass Britta in Melbourne über die hohe Belastung geklagt hätte“. Dort verpasste sie über 100 Meter Freistil Gold. Sie wurde Dritte.

Stefan Lurz kennt einen Hebel, mit dem man Steffen sehr wohl zwingen könnte. „In den Nominierungskriterien für Peking steht klar, dass jeder Schwimmer für jede Staffel zur Verfügung stehen muss.“ Diesen Passus hatte der DSV nach der WM fixiert. Eine Reaktion auf personelle Turbulenzen bei der 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel der Männer. „Und es war Warnatzsch, der damals am lautesten verlangt hatte, dass jeder in der Staffel schwimmen müsse“, sagt Lurz. „Und jetzt macht er selber so ein Theater.“

Schon bei der WM 2007 gab es heftige Diskussionen um die Frauen-Staffel über 4-x-200-Meter Freistil. In der schwamm Britta Steffen, obwohl sie bei der WM-Qualifikation wegen Krankheit gefehlt hatte. Allerdings war jedem klar, dass sie so stark war, dass sie starten musste. Aber für sie musste Daniela Samulski weichen, was deren Trainer Henning Lamberz in Melbourne empörte. Auch Stefan Lurz war gegen Steffens Einsatz: „Und zwar, weil sie sich in Hannover nicht qualifiziert hatte.“ Madsen bestimmte letztlich, dass Steffen schwamm. Die Staffel holte Silber.

Steffen wird nun wohl fehlen – damit hat die Staffel quasi keine Medaillenchance mehr. Dafür hat der DSV neben Steffen noch ein weiteres Personalproblem. Denn die 17-jährige Lisa Vitting qualifizierte sich als Vierte über 200 Meter Freistil für die Staffel. Es war das Rennen ihres Lebens, nur leider benötigte sie dafür 2:01,43 Minuten. Für eine Olympiastaffel eine völlig indiskutable Zeit. Samulski wurde, von einer Erkältung geschwächt, nur Fünfte. Durch ihren Titel über 100 Meter Schmetterling ist sie aber für Peking qualifiziert, und sie ist 2008 schon zweimal 2:00 Minuten geschwommen. Eigentlich wäre sie eine Staffel-Kandidatin. „Darüber muss man reden“, sagt Thiesmann.

Und Madsen hofft immer noch, dass Steffen in der Staffel startet. Vergeblich offenbar. Britta Steffen sagte jedenfalls: „Meine Entscheidung ist gefallen. Daran ändert sich nichts.“

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