Sport : Das große Theater

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Von Martín E. Hiller

In der Bibel ist eine zwitschernde Schwalbe ein Sinnbild für inniges Beten (Jesaja 38,14). In der Wirklichkeit des Fußballplatzes suchen Spieler, die das Flugtier nachahmen, weniger das Wohlwollen des Herrn als vielmehr das des Schiedsrichters. Auch bei der WM täuscht immer wieder jemand ein Foul vor, um einen Freistoß oder sogar einen Elfmeter herauszuholen – obwohl der internationale Fußballverband Fifa diesem Betrug vor Beginn der Endrunde ausdrücklich den Kampf angesagt hat. Nun sind die Schiedsrichter zwar schnell mit Gelben Karten zur Hand - aber manchmal zu Unrecht.

„Der einzig negative Aspekt dieser Weltmeisterschaft ist die Leistung der Schiedsrichter“, sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter der Zeitung „Gazzetta dello Sport“, „Spiele bei einer WM mit den besten Spielern und Mannschaften sollten auch von den besten Schiedsrichtern geleitet werden - ungeachtet ihrer Nationalität.“ Von jetzt an werde der Verband nur noch die Besten berufen, kündigte Blatter an, selbst wenn sie nur noch aus einer Handvoll Länder kommen sollten. Womöglich hat die Anweisung der Fifa, besonders auf die Schwalben zu achten, die Schiedsrichter auch verunsichert.

„Simulation ist unsere Hauptsorge bei den WM-Spielen“, sagte der Generalsekretär des Verbandes Michael Zen-Ruffinen, der in diesem Jahr erstmals Videobeweise am Tag nach einem Spiel nutzt. So kann die Strafe für einen verwarnten Spieler reduziert werden, wenn sich herausstellt, dass er seinen Gegner nicht gefoult, dieser vielmehr geschauspielert hat. Darüber hinaus wurden alle Schiedsrichter angewiesen, erkannte Schwalben strikt und kompromisslos mit der Gelben Karte zu bestrafen.

Nun setzte es deutlich mehr Verwarnungen wegen vorgetäuschten Foulspiels als bei den vergangenen Weltmeisterschaften: Dabei traf den Italiener Francesco Totti die strenge Regelauslegung besonders hart. Bereits im Vorrundenspiel gegen Mexiko erhielt er Gelb wegen Schauspielerei. Doch setzte danach kein Lernprozess bei dem Mittelfeldspieler ein, auch die 1400 Euro Strafe, die überführte Simulanten bei dieser WM erstmals zahlen müssen, beeindruckten ihn nicht. Im Achtelfinalspiel gegen Südkorea hob er wiederum ab, bevor sein Gegenspieler ihn berührte und wurde, da schon verwarnt, vom Platz gestellt. Italien musste in Unterzahl in die Verlängerung gehen und flog aus dem Turnier. Obwohl Schiedsrichter Moreno in Tottis Fall wohl richtigerweise auf Schwalbe erkannt hatte, führte der Ruf des Weltverbandes nach strenger Bestrafung aber auch schon zu Fehlurteilen. So zeigte der arabische Unparteiische Ali Bujsaim dem schwedischen Angreifer Henrik Larsson Gelb wegen Täuschung, obwohl dieser klar von seinem argentinischen Gegenspieler Kily Gonsalez gefoult worden war und die Verwarnung dem Südamerikaner hätte gelten müssen – übrigens derselbe Bujsaim, der schon bei der WM 1998 dadurch aufgefallen war, dass er dem nach Ansicht aller Experten gefoulten Holländer Pierre van Hooijdonk statt eines Strafstoßes die Gelbe Karte zukommen ließ.

Nach wie vor gibt es aber auch Spieler, die ein Foul vortäuschen und damit durchkommen. Frisch im Gedächtnis ist noch die Schauspieleinlage von Rivaldo, der sich die Hände vor das Gesicht schlug und umfiel, nachdem er von einem Ball leicht am Oberschenkel getroffen wurde. Die Fifa belegte den Brasilianer nachträglich mit einer Strafe von 8000 Franken. Dem Ballschützen Hakan Ünsal nützte es nichts mehr, er war für die Aktion mit Gelb-Rot vom Platz gestellt worden. Und Schiedsrichter Jan Wegereef gab nach einer Schwalbe von El Hadj Diouf Elfmeter gegen Uruguay, anstatt dem Senegalesen die dreizehnte Gelbe Karte dieser Partie zu zeigen. Oder der englische Elfmeter im Vorrundenspiel gegen Argentinien, der die Entscheidung brachte: „Collina ist ein Weltklasseschiedsrichter, und ausgerechnet der fällt auf den Owen rein“, sagte Franz Beckenbauer, dessen Meinung nicht jeder teilte.

Doch Täuscher dürfte es immer geben, zumal das Simulieren kein Phänomen der Neuzeit ist: An der Berechtigung des Elfmeters im WM-Finale 1974 in München hegten manche unvoreingenommene Beobachter beinahe ebenso große Zweifel wie an dem berühmten Wembleytreffer acht Jahre zuvor.

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